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DAS MÄRCHEN VON DEN MENSCHEN AUF DEM MARS

2. Oktober 2026 von ERNST PETER FISCHER

Musks Marsmission ist ein Himmelfahrtskommando. Denn der Ausflug zum roten Planeten ist todsicher eine Reise ohne Wiederkehr

Foto: NASA/JPL
Weil der Mars nur über ein Drittel der irdischen Schwerkraft verfügt, ist der Aufenthalt dort für den menschlichen Körper eine Katastrophe.

Als sich vor mehr als 100 Jahren eine britische Expedition auf den Weg machte, um den Mount Everest zu erklettern, wurden die mutigen Gipfelstürmer gefragt, warum sie auf den Berg wollten. »Weil er da ist.« So lautete die berühmte Antwort, und wer heute fragt, warum Menschen zum Mars fliegen wollen, würde ebenfalls zu hören bekommen: »Weil der Planet da ist« – es sei denn, ein Billionär tritt ans Mikrophon und verkündet, er wolle dort oben einen sicheren Platz für das menschliche Bewußtsein einrichten, das der gefährdeten Erde entkommen möchte. So jedenfalls ließ sich der umtriebige ­Elon ­Musk vernehmen, als er den Börsengang seines Unternehmens SpaceX in die Wege leitete und davon sprach, mit seinem Raumschiff Starship erst einige unbemannte Flüge zum Mars durchzuführen, um bereits vor 2030 ausgewählte Menschen auf dem roten Planeten landen zu lassen, die sich sofort daran machen könnten, dort in den nächsten zwanzig Jahren eine sich selbst versorgende Stadt aufzubauen. Es leuchtet zwar ein, daß Finanzmärkte mehr mit Hoffnungen für die Zukunft jonglieren und sich weniger um die aktuelle Wirklichkeit kümmern, solange der Wert von Aktien ausreichend hoch ist und Profite zu erwarten sind. Aber es fällt auf, daß bei all dem politischen und medialen Rummel um SpaceX die vielen Warnungen in den Wind geschlagen worden sind, die von gestandenen Physikern wie ­Brian Greene, ­Neil ­deGrasse ­Tyson und dem Nobelpreisträger ­Richard ­Feynman geäußert worden sind, und zwar schon seit langem. Für die genannten Herren ist der Ausflug zum roten Planeten eine Reise ohne Wiederkehr, was bedeutet, daß die Astronauten die Erde niemals wiedersehen.
Natürlich könnte man hier das Sprichwort »Neapel sehen und sterben« bemühen, aber in dem romantischen Ausruf steckt keine Warnung und mehr eine Liebeserklärung an die Stadt, die man aus allerlei Erzählungen kennt. Und wer einmal nach Süditalien gereist ist, hat auf dem Weg dorthin unterwegs viel zu sehen bekommen und erlebt, was der Flug zum Mars garantiert nicht bietet. Es gilt – je nach Position des Planeten –, eine Distanz zwischen 55 und 400 Millionen Kilometer zurückzulegen, was eine Reisezeit von sechs bis neun Monaten erfordert, und zwar nicht in einem bequemen Zug mit einem schönen Blick aus dem Fenster, sondern eingezwängt in einen engen Schlauch aus Metall, der ein dunkles Weltall zu durchqueren hat, in dem es nichts zu sehen gibt, während das Vorankommen zugleich äußerst präzise navigiert werden muß, um die Gravitationsfelder der Planeten und der Sonne geeignet zu nutzen, wobei Fehler kaum korrigiert werden können und Lebensgefahr nicht nur aufgrund der intensiven kosmischen Strahlung besteht, die unentwegt auf das Raumschiff eintrommelt. Wenn man die Anreise geschafft hat, steht der Crew eine noch viel schwierigere Aufgabe bevor, nämlich die Landung. Die dünne Atmosphäre des Mars – sie weist etwa ein Prozent der irdischen Dichte auf – bietet nahezu keine Bremswirkung, was den Einsatz von weitgespannten Fallschirmen und effektiven Retro-Raketen erfordert, wie man Steuerelemente nennt, die einen Gegenschub erzeugen können, wobei sie allerdings Staubstürme aufwirbeln, was auf dem unebenen Gelände nicht nur wegen der Sicht weitere Risiken mit sich bringt, sondern auch, weil der Staub auf dem Mars anders ist als auf der Erde. Was auf der Erde aus eher weichgewaschenen Teilchen besteht, setzt sich auf dem trockenen Mars aus knallhartem und spitzem Gekrümel zusammen, das in alle Schlitze eindringen und das Funktionieren der Maschinen und Geräte erst beeinträchtigen und zuletzt unmöglich machen kann.
Doch nehmen wir an, das Starship ist gelandet und die Mitglieder der Crew setzen ihre Füße auf die Oberfläche des Mars, dann gibt es keinen Grund zum Aufatmen. Im Gegenteil. Dann fangen die Schwierigkeiten erst richtig an, auch wenn die Temperaturen und die kosmischen Strahlen hier außer acht bleiben sollen, obwohl sie massive Schäden am Erbgut und erhebliche kognitive Beeinträchtigungen nach sich ziehen, wie man sie nach Hunderten von CT-Scans bekommen kann. So komisch es beim ersten Hören auch klingen mag, der wesentliche Grund, mit dem der Mars wirklich verhindert, daß Personen sich auf ihm aufhalten und wieder auf die Erde zurückkehren und dort leben können, hat den unscheinbaren Namen der Gravitation oder Schwerkraft, die viele kaum zur Kenntnis nehmen und die sie eher stört, wenn sie stürzen. Doch die Astronauten sind – wie wir alle – Nachfahren von Menschen, die im Laufe ihrer Stammesgeschichte gelernt haben, sich auf einem Himmelskörper zu bewegen und dort zu leben, der sie mit seiner Masse einer Beschleunigung von einem ›g‹ aussetzt, wie die Physik zur gewöhnlichen Erdanziehung sagt. Das Herz des Menschen pumpt ein Leben lang gegen diese Kraft an, um das Blut durch den Körper fließen zu lassen. Die Muskeln und Knochen bilden sich in diesem Schwerfeld und erwerben ihre Stärke und Festigkeit, um das Laufen über Straßen und Wiesen zu ermöglichen; doch plötzlich steht der Erdmensch mit seinen angepaßten Organen auf dem Mars, der nur über ein Drittel der Schwerkraft unseres Heimatplaneten verfügt, was das Hochspringen erleichtern und Hüpfende etwas länger in der Luft halten kann. Aber für den Körper entfaltet sich eine Katastrophe. Er verliert monatlich bis zu ein Prozent an Knochenmasse, und nach 500 Tagen könnten bis zu fünfzehn Prozent weg sein, wobei die genannte Dauer deshalb relevant ist, weil die Astronauten nach ihrer Landung auf dem Mars so lange auf eine geeignete Konstellation der Planeten warten müssen, um den Rückflug antreten zu können. Ihre Muskeln sind dann längst atrophiert und das Herz ist um rund zwanzig Prozent geschrumpft, was bedeutet, daß es beim Landen auf der Erde versagen kann. Solange es funktioniert, brechen einem die Knochen wegen der unvermeidlichen Osteoporose, und auf den Beinen können sich die vom Mars Heimgekehrten auch kaum halten. Natürlich kann man sich viele therapeutische Angebote ausdenken, auf Medikamente oder die Erzeugung einer künstlichen Gravitation hoffen und überhaupt mit Lösungen der Ingenieurswissenschaften rechnen, die unter anderem mit dem Problem des Treibstoffs zu kämpfen haben. Wenn die Rakete vom Mars wieder abheben und die Erde ansteuern will, braucht sie sehr viel Kraftstoff, den man beim derzeitigen Stand der Technologie von zu Hause mitbringen muß, was – wie sich ausrechnen läßt – ein Raumschiff erfordert, das die Größe des Empire State Building aufweist. Wenn man den Treibstoff auf dem Mars mit seiner Atmosphäre aus Kohlendoxid herstellen will, hat man es auch nicht leicht, weil man die Gerätschaften mitbringen müßte und das nötige chemische Verfahren bislang nicht funktioniert. Überhaupt wird für das Marsleben noch viel neue Chemie benötigt, um Sauerstoff zu recyceln, um Wasser aus Urin zu gewinnen und Nahrung zu erzeugen. Außerdem muß die Psychologie erklären, wie Menschen reagieren, wenn sie mit ihrer Heimat kommunizieren und zwischen Äußerungen bis zu zwanzig Minuten vergehen, was unerträglich wird, wenn Entscheidungen zu treffen sind. Experten warnen vor Depressionen und Schlafstörungen unter den Reisenden, und es fällt nicht schwer, sich andere seelische Belastungen in der jahrelangen Einsamkeit der Marssphäre auszudenken, die vor allem deshalb mürbe machen, weil die Marsmission so sinnlos scheint. Was wollen und sollen Menschen auf dem roten Planeten, zumal doch schon längst Roboter dort landen können, die keinen Krebs bekommen, nicht schlafen gehen und nur abgeschaltet werden müssen und dabei nicht depressiv werden. Mit anderen Worten: Es lohnt nicht, einen bemannten Flug zum Mars zu unternehmen, und es ist Unfug, dort eine menschliche Siedlung zu planen. Tatsache ist nur, daß der Planet wie der Mount Everest einfach da ist und Menschen anlockt. Daß etwas nicht geht, haben sie schon oft gehört und ebenso oft ignoriert. Es hindert sie nicht, mehr zu wollen. ◆

Bild von ERNST PETER FISCHER,

ERNST PETER FISCHER,

geb. 1947, diplomierter Physiker, promovierter Biologe, habilitierter Wissenschaftshistoriker, preisgekrönter Buchautor und Vermittler, Professor (apl.) für Wissenschafts­geschichte an der Universität Heidelberg. Jüngste Publikation: Ein Scheiterhaufen der Wissenschaft. Die Großen an ihren Grenzen, Berlin (Springer) 2023

No. 6 | 2026

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Kategorie: Artikel Stichworte: Artikel, Fischer

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