Mäßigung nicht in Sicht

von Andreas Lombard

Der Verlag S. Fischer hat nach fast vierzigjähriger Zusammenarbeit seine Bestsellerautorin Monika Maron vor die Tür gesetzt – offiziell wegen eines Vorgangs, den man allenfalls eine  vertriebliche „Irritation“ (FAZ) nennen kann. Die tieferen, gleichwohl leicht erkennbaren Gründe wie Monika Marons Kritik an Gendersternchen, Zuwanderung und zunehmend totalitären ideologischen Machtansprüchen, an einer immer mehr an die DDR erinnernden Ertötung gesellschaftlicher Freiheit, blieben natürlich außen vor. Eine seit langem im Verlagsgeschäft tätige Hamburger Dame weiß, was sich gehört; und den massiven Druck, der mutmaßlich auf sie ausgeübt wurde, können wir uns lebhaft vorstellen. Er wird seit vielen Jahren systematisch erhöht. Wer hat nicht schon alles wegen unbotmäßiger Ansichten oder blanker Sachlichkeit seinen Verlag, seine Stellung, sein Ansehen und sein Auskommen verloren? Wie viele fähige Autoren werden in diesem Land inzwischen so kurzgehalten, daß sie gar nicht erst bekannt werden? Oder nur in Kreisen, aus denen es kein Zurück ins Juste Milieu gibt? Es sind so viele, daß man sich nur wundern kann, wie viele andere sich offenbar immer noch sicher wähnen, obwohl sie als nächstes an der Reihe sein könnten, aus Gründen, die sie heute noch nicht einmal ahnen. Die Maßnahmen, die mittlerweile ergriffen werden, erinnern nicht nur an die DDR, sondern knüpfen teilweise personell direkt an sie an. Es reicht nicht mehr, empört zu sein über das, was schon geschehen ist. Es kommt darauf an, einer weiteren Verschärfung der Lage Einhalt zu gebieten. Denn, um ein Wort zu gebrauchen, das Jörg Bernig und Uwe Tellkamp in ihrer nun folgenden Stellungnahme verwenden: „Mäßigung“ ist nicht in Sicht. Wenn der Verlag S. Fischer seinen Ruf noch retten will, muß er die Hamburger Dame zügeln, sich entschuldigen und Monika Maron zurückholen.

 

In großer Sorge

Statement von Jörg Bernig und Uwe Tellkamp

In großer Sorge und mit Entschiedenheit stellen wir uns vor die Buchhändlerin, Verlegerin und Veranstalterin Susanne Dagen. Desgleichen treten wir an die Seite unserer Kollegin Monika Maron, der die weitere Zusammenarbeit mit dem Verlag S. Fischer aufgekündigt wurde, weil sie in der edition buchhaus loschwitz, dem Verlag Susanne Dagens, einen Band mit Essays veröffentlicht hat. Wohlgemerkt: nicht was Monika Maron in ihren „Essays aus dreißig Jahren“ geschrieben hat, war für S. Fischer inkriminierend, sondern daß sie es in Susanne Dagens edition buchhaus loschwitz publiziert hat. Susanne Dagens Buchhandlung, ihr dort angeschlossenes KulturHaus und der Verlag edition buchhaus loschwitz werden als Ort (neu)rechten Denkens stigmatisiert und das, bei Lichte besehen, schlicht aus dem Grund, weil Susanne Dagen sich einer Festlegung auf ein bloß irgendwie links geartetes Denken entzieht und stattdessen einen Ort bietet, der für alle offen ist.

Unsere große Sorge erwächst aus Beobachtungen und Erfahrungen, die wir selbst während der letzten Jahre gemacht haben. Wir stellen eine Verwahrlosung und gewalttätige Aufladung der Berichterstattung und Kommentierung fest, wenn über Positionen und Menschen geschrieben und gesprochen wird, die sich kritisch zu problematischen Entwicklungen in diesem Land äußern – sei das zu Fragen der Meinungsfreiheit, der Verquickung von Politik und Medien, der Migrationspolitik, der Erscheinung des Islams in unserer Gesellschaft oder der Beschneidung verfassungsmäßig festgeschriebener Freiheiten.

Mit großer Sorge blicken wir auf uns nachgerufene Formulierungen wie: „pegidafiziert“, „rassistisch“, „ausländerfeindlich“ oder „definitiv neurecht[s]“.

Wir fragen: Wohin soll das führen? Was soll der Schritt sein, der auf derlei verbale Attacken folgt? Oder: Welchen Folgeschritt sollen solche Attacken vorbereiten?

Wir leben in einer Zeit enormer Umbrüche. – Diskussion? Ja. Streit? Ja. Diffamierung? Nein. Denunzierung? Nein. Ausgrenzung? Nein. Verbale Gewalt? Nein und nein!

In großer Sorge um die Entwicklung in unserem Land rufen wir zu Mäßigung im Umgang miteinander auf.

Dresden, den 21. Oktober 2020