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CASTROS LÜGENPALAST

4. Juni 2026 von ALEX BAUR

Zwischen Mythos und Realität in Kuba klaffen Abgründe. Erschütternd ist aber vor allem, wie viele Politiker und Intellektuelle im freien Westen auf die Mär des Sozialismus mit menschlichem Antlitz hereingefallen sind

Foto: picture alliance/AP Photo
Schriftsteller und Künstler von Weltformat – von Ernest ­Hemingway (links neben Castro) über Gabriel García Márquez, Jean Paul Sartre und Hans Magnus ­Enzensberger bis Steven Spielberg, Jack Nicholson oder Robert Redford – verfielen dem Charme Fidel Castros.

Kubas Revolution begann mit einer monumentalen Lüge. Im Februar 1957 suchte der legendäre US-Reporter ­Herbert ­Matthews (New York Times) den damaligen Guerillero ­Fidel ­Castro im Dschungel der Sierra Maestra auf. Der alte Spanienkämpfer ­Mattews war sichtlich beeindruckt. ­Castro sei alles andere als ein Kommunist, berichtete er nach Hause, ein Demokrat, der für die Befreiung von Kuba kämpfe. Zwei Jahre später, im Februar 1959, unmittelbar nach dem »Triumph der Revolution«, wiederholte ­Fidel ­Castro sein Demokratie-Versprechen vor laufenden Kameras und der versammelten US-Presse in holprigem Englisch: »Es gibt keinen Kommunismus oder ­Marxismus in unserer Bewegung, (…), wir werden niemals niemandem irgendwelches Land wegnehmen.«
67 Jahre sind seither ins Land gegangen, Kuba wartet nach wie vor auf die versprochene Demokratie. Im April 1961 hatte ­Castro im Vorfeld der von der CIA halbherzig unterstützten und gescheiterten Schweinebucht-Invasion den »sozialistischen Charakter« seines Regimes proklamiert. Kritiker beschuldigten den damaligen Präsidenten ­John F. ­Kennedy, ­Castro in die Arme der Sowjets getrieben zu haben. Die These hält einer nüchternen Analyse nicht stand. Bereits im August 1960 hatte ­Castro alle US-Unternehmen, darunter Ölraffinerien (Texaco, Esso), Telefon- und Elektrizitätsgesellschaften sowie 36 Zuckerfabriken enteignet und verstaatlicht. Im Oktober 1960 folgte die Enteignung von 400 großen kubanischen Unternehmen und sämtlichen privaten Banken.

»Che« Guevara war ein gnadenloser Killer

Die Kommunisten um ­Ernesto »Che« ­Guevara, den ­Raul ­Castro bereits 1955 in Mexiko mit dem späteren KGB-General ­Nikolai ­Leonow zusammengebracht hatte, waren bei der Guerilla in der Minderheit. Doch die Demokraten wurden nach 1959 systematisch eliminiert. ­Guevara, der aus seiner glühenden Verehrung für ­Stalin nie einen Hehl machte, steht ikonenhaft für die schwindelerregende Kluft zwischen einem romantischen Mythos und der bitteren Realität, welche die kubanische Revolution auszeichnet. »Che«, dessen Konterfei bis heute die Aura eines modernen ­Robin ­Hood verströmt, war ein gnadenloser Killer, der in den Monaten nach der Revolution nicht nur die standrechtliche Erschießung hunderter vermeintlicher oder tatsächlicher Konterrevolutionäre persönlich kommandierte. ­Guevara war es auch, der 1962 im Konflikt um die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba ultimativ forderte, New York in eine nukleare Wüste zu verwandeln.

Ideologie als Mittel zum Zweck

Für Ideologen mag der Zweck die Mittel heiligen. Für ­Fidel ­Castro war die Ideologie stets ein Mittel zum Zweck. Es bereitete ihm nicht die geringste Mühe, heute das Gegenteil von dem zu tun, was er gestern noch gepredigt hatte, wenn die Umstände es erforderten. Wie der ehemalige Spiegel-Reporter ­Carlos ­Wiedmann 2012 in seiner gut dokumentierten und lesenswerten Castro-­Biographie aufzeigt, gab es nur ein Ziel, dem der Diktator – in jungen Jahren feuriger Bewunderer von ­Benito ­Mussolini – alles andere unterordnete: den Erhalt seiner Macht. Tatsächlich paßt ­Fidel ­Castro perfekt in die Galerie der operettenhaften Caudillos, mit denen die Geschichte Lateinamerikas reich bestückt ist. Sie alle bauten Spitäler und Schulen und spielten sich als Beschützer der Armen auf. Das Einzige, was ­Fidel ­Castro von einem ­Rafael ­Trujillo, »Papa Doc« ­Duvalier oder ­Anastasio ­Somoza unterscheidet, war seine Anerkennung beim linksliberalen Establishment in Europa und Amerika. Daß sein längst morsches Regime ­Castros Tod überdauerte, ist nicht zuletzt diesen Leuten zu verdanken.
Wie ist es nur möglich, so fragt man sich augenreibend, daß lupenreine Demokraten wie ­Willy ­Brandt, ­François Mitterrand oder ­Pierre ­Trudeau den Tyrannen hofierten und seinen Lügenmärchen blind folgten? Schriftsteller und Künstler von Weltformat – von ­Ernest ­Hemingway über ­Gabriel ­García ­Márquez, ­Jean ­Paul ­Sartre und ­Hans ­Magnus ­Enzensberger bis ­Steven Spielberg, ­Jack ­Nicholson oder ­Robert ­Redford – verfielen dem Charme des großen Verführers. Die Liste ließe sich fortsetzen. Dabei ist in Kuba jede politische und kulturelle Tätigkeit strengstens zensiert und kontrolliert. Noch bis in die 1970er Jahre, das war nie ein Geheimnis, wurden neben den Dissidenten auch Homosexuelle systematisch in Arbeitslager gesperrt. Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn irgendein anderes Regime dasselbe getan hätte. Doch bei ­Castro wurde stillschweigend akzeptiert, was seine Fans in ihrem eigenen Land nicht einmal im Ansatz toleriert hätten. Der Mythos Kuba, so scheint es, ist immun gegen jede Realität.
Diese tolldreiste Doppelmoral läßt sich aus einer eigentümlichen Geschichte erklären, welche Kuba und die USA verbindet. Immerhin waren es die US-Marines, welche die Insel 1898 nach einem blutigen Bürgerkrieg vom Joch der Spanier befreiten. Kuba war neben Puerto Rico die letzte spanische Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent. Seit Jahrzehnten wurde ein allfälliger Anschluß an die USA debattiert. Es war der US-Kongreß, der dem Vorhaben definitiv einen Riegel schob: Mit dem Teller-Amendment knüpfte der Senat der Vereinigten Staaten 1898 die militärische Intervention gegen die spanischen Kolonialherren an die Bedingung, daß Kuba nicht annektiert werden dürfte.

Der Mythos Kuba

Dafür gab es vor allem zwei Gründe: Zum einen befürchteten US-Farmer die Konkurrenz beim Zucker, zum andern waren rund ein Drittel der damals 1,75 Millionen Kubaner Schwarze oder Mulatten. Die Sklaverei war in Kuba erst 1886 abgeschafft worden. Viele Amerikaner befürchteten, daß man sich einen sozialen Konflikt aufhalsen würde, den sie selbst noch nicht überwunden hatten. Zugleich mochten die USA die strategisch wichtige, aber politisch instabile Insel vor ihrer Haustür nicht ihrem Schicksal überlassen. Viermal marschierten die US-Marines zwischen 1898 und 1922 ein und besetzten Kuba während jeweils mehrerer Jahre.
Mit der demokratischen Verfassung von 1940 kehrte eine gewisse Stabilität auf Kuba ein. In sauberen Wahlen kam ein Mann an die Macht, der später zum Buhmann der Nation werden sollte: Feldwebel ­Fulgencio ­Batista, ein Mulatte aus einfachen Verhältnissen. In einer Koalition mit den Gewerkschaften und Kommunisten führte ­Batista soziale Reformen durch und wich 1944 ordnungsgemäß einem gewählten Nachfolger. Für Kuba begann eine Phase des Aufschwungs, der die Insel zu einem der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas machte. Ein Putsch brachte ­Batista 1952 zurück an die Macht, die er mit manipulierten Wahlen und der Hilfe der amerikanischen Mafia verteidigte, bis die von den USA anfänglich passiv unterstützte Castro-­Revolution den Diktator Ende 1958 ins Exil trieb.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren militärische US-Interventionen in der Karibik fast an der Tagesordnung. In der Dominikanischen Republik, Haiti, Nicaragua oder Honduras führten sich die Marines und ihre Schergen auf wie Hausherren. 1954 brachte der Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten ­Jacobo Árbenz in Guatemala durch US-Söldner das Faß zum Überlaufen. Eine Welle des Protestes gegen den rücksichtslosen »Yankee-Imperialismus« brandete durch ganz Lateinamerika.

Das machiavellistische Genie Fidel Castros

Bereits ein Jahr zuvor hatte die CIA im Iran mit einer mehr schlecht als recht verdeckten Operation den Sturz von ­Mohammad ­Mossadegh ausgelöst. In Guatemala wie im Iran hatte Präsident ­Dwight D. ­Eisenhower auf dem Höhepunkt der berüchtigten McCarthy-­Ära in einem verbündeten Land eine gewählte Regierung stürzen lassen, die den USA an sich freundlich gesinnt war, jedoch eine links-nationalistische Politik verfolgte. Die Folgen wirken bis heute nach. In Lateinamerika wie im Mittleren Osten mutierten die Vereinigten Staaten vom demokratischen Vorbild, das die Welt wenige Jahre zuvor von schrecklichen Tyranneien befreit hatte, zum imperialistischen Feindbild.
Ebenso wichtig, aber oft ausgeblendet: Auch in den USA löste der »Bananenkrieg« gegen Guatemala und die Restauration der Monarchie im Iran bittere Kritik aus. Viele Amerikaner fühlten sich in ihren innersten Werten verraten, von der eigenen Regierung und den wirtschaftlichen Interessen, die hinter ihr standen. Ein Regime-Change in Havanna war zwar immer das Ziel, doch der innere Widerstand wie die Furcht vor einem zweiten Guatemala hinderte die USA stets daran, dieses mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Das ist das Fundament, auf dem die kubanische Revolution ruht. Das machiavellistische Genie ­Fidel ­Castro bespielte die Komplexe um den »Yankee-Imperialismus« meisterhaft. Doch hinter der pathetisch-revolutionären Fassade ist nichts als Lug und Trug.
Die hartnäckigste und vielleicht erfolgreichste aller Lügen ist jene des US-Embargos, welches seit jeher für alles Elend auf der Insel verantwortlich gemacht wird. Tatsache ist: Außer mit dem imperialistischen Bösewicht, von dem man sich doch befreien wollte, konnte Kuba stets mit allen Ländern der Welt Handel betreiben, oft sogar zu Sonderkonditionen. Es gibt nichts, was man nicht auch in China, Japan, Deutschland oder Brasilien kaufen könnte. Theoretisch sanktioniert der »Helms-Burton-Act« (1996) zwar weltweit jeden, der mit Kuba Geschäfte betreibt, doch vor ­Donald ­Trump hat keine US-Regierung das Gesetz je in seiner ganzen Tragweite angewendet.
Es ist auch nicht so, daß keiner mehr den Kubanern ihren Zucker abgekauft hätte. Die banale Wahrheit ist, daß Kuba immer weniger produzierte. Der einst wichtigste Zuckerlieferant der Welt konnte zeitweise kaum noch seinen eigenen Bedarf decken. Und das hat nichts, aber auch gar nichts mit dem US-Embargo zu tun, sondern einzig und allein mit einem Phänomen, das wir aus allen Sowjetrepubliken kennen: sozialistischer Schlendrian und Mißwirtschaft.
Jahrelang subventionierten die Sowjets die Insel mit kostenlosen Lieferungen von Erdöl, das die Kubaner zum Teil auf dem Weltmarkt weiterverkauften. Der Zusammenbruch der Sowjet­union brachte das Regime an den Rand des Kollapses. Doch nach der Jahrtausendwende übernahm das Chávez-­Regime in Venezuela mit vertraglich vereinbarten Lieferungen von täglich 100 000 Faß Gratis-Öl die Rolle des Sugar-Daddy. Und als der »Socialismo del Siglo XXI« auch Venezuelas unermeßliche Erdölquellen zum Versiegen brachte, sprang Mexiko in die Bresche.
Theoretisch bezahlte das Regime in Havanna zwar das Öl mit der Entsendung zehntausender Söldner, Sanitäter, Ärzte und Berater. Doch der Export der Fachkräfte – da diese zwischen 70 und 95 Prozent ihres Lohnes dem kubanischen Staat abliefern müssen, kann man sie getrost als Zwangsarbeiter bezeichnen –, deckte niemals den Wert der Erdöllieferungen und anderen Gegenleistungen der Länder, die Kuba sponsern, sei es aus ideologischen oder auch geostrategischen Motiven. Und wenn viele Staaten Kuba heute nicht mehr beliefern, hat das vor allem damit zu tun, daß das Regime seit Jahren als zahlungsunfähig gilt und auf offenen Rechnungen von geschätzten 20 bis 40 Milliarden Dollar sitzt.

Sozialistische Mißwirtschaft

Ins Reich der Mythologie gehört auch die angebliche Friedfertigkeit des Castro-­Regimes. Kuba hat im letzten Jahrhundert, zum Teil offen, zum Teil verdeckt, zahlreiche marxistische Guerillas in ganz Lateinamerika, die Tod und Elend über Millionen von Menschen brachten, mit Waffen, Logistik und Ausbildung unterstützt. Tausende von kubanischen Söldnern kämpften und fielen in Angola (1975 bis 1991), in Äthiopien, in Syrien oder auch aktuell im Ukraine-Krieg. Es ist kein Zufall, daß beim US-Coup gegen den venezolanischen Diktator ­Nicolás ­Maduro Anfang des Jahres in Caracas 32 kubanische Leibwächter getötet wurden. Da ­Maduro (und vor ihm schon ­Hugo ­Chávez) dem eigenen Militär mißtraute, besetzte er praktisch alle Schlüsselstellen seines Sicherheits- und Repressionsapparates mit kubanischen Agenten, die ihr Handwerk nach den Rezepten des sowjetischen KGB erlernt haben.
Die vielleicht traurigste aller Propagandalügen betrifft die angeblich hervorragende Bildung und medizinische Versorgung in Kuba. Der Schreibende war über die letzten vier Jahrzehnte als Reporter in fast allen lateinamerikanischen Ländern unterwegs, so auch mehrmals in Kuba. Eine kostenlose medizinische Grundversorgung und Volksschulen sind längst auf dem ganzen amerikanischen Kontinent eine Selbstverständlichkeit. Die Qualität ist zwar oft lausig, doch Kuba ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Das Internet – die Grundlage jeder modernen Ausbildung – untersteht einer scharfen Zensur und ist längst nicht allen zugänglich. Die Versorgung mit importierten Medikamenten mutet seit Jahrzehnten katastrophal an: Sofern die Arzneien überhaupt erhältlich sind, müssen sie mit Dollars bezahlt werden, was sich viele Kubaner schlicht nicht leisten können. Nirgends in ganz Lateinamerika ist die Spaltung der Gesellschaft in eine Masse von Habenichtsen, die täglich um ihr Überleben kämpfen, und eine kleine privilegierte Oberschicht, die sich alles leisten kann, so virulent wie im sozialistischen Kuba. Welch ein Zynismus!
Als der spätere Diktator ­Fidel ­Castro 1948 ­Mirta Díaz-­Balart ehelichte, eine Dame aus der Hautevolee von Havanna, schenkte der spätere Diktator ­Fulgencio ­Batista dem Brautpaar 1 000 Dollar. Die beiden nutzten den Scheck für eine dreimonatige Reise in die USA. Die kuriose Anekdote steht sinnbildlich für die symbiotische Beziehung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten. Kuba gehört zu den wenigen Ländern in Lateinamerika, in denen Baseball statt Fußball gespielt wird. Das 1929 erbaute »Capitolio« in Havanna gleicht dem Original in Wa­shing­ton wie ein Ei dem andern. Miami ist mit über einer Million Kubanern die zweitgrößte kubanische Stadt nach Havanna. Außer rationierten Grundnahrungsmitteln ist ohne US-Dollar wenig zu haben auf der Insel. Und ohne die Überweisungen der 2,5 Millionen Regimeflüchtlinge in den USA wäre Kuba wirtschaftlich längst kollabiert.
Vielleicht ist es kein Zufall, daß die größte Bedrohung für die Castro-­Diktatur heute von ­Marco ­Rubio ausgeht, dem Sohn von Exilkubanern, der es als Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater bis ganz an die Spitze der US-Regierung gebracht hat. Dem perfekt zweisprachigen Miami-Kubaner können die Tattergreise im zerfallenden Machtzentrum von Havanna nichts vormachen. ­Marco ­Rubio gilt heute in Nord- wie in Südamerika gleichermaßen als Hoffnungsträger, der den letzten drei Diktaturen auf dem amerikanischen Doppelkontinent den Garaus machen könnte. Welch eine Ironie! ◆

Bild von ALEX BAUR,

ALEX BAUR,

geb. 1961, lebt und arbeitet als Südamerika-Korrespondent der Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche in Lima. Über vier Jahrzehnte hat der Schweizerisch-Peruanische Doppelbürger als Reporter und Korrespondent bekannter Titel (Neue Zürcher Zeitung, Stern, GEO, Tages-Anzeiger) fast alle Länder Lateinamerikas bereist, unter ihnen auch Kuba.

No. 3 | 2025

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Kategorie: Artikel Stichworte: Artikel, Baur

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