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DER ARZT AM SCHEIDEWEG

6. Februar 2026 von PAUL CULLEN

Corona hat meine Sicht auf die Welt geändert. Bis 2019 hatte ich angenommen, daß die Pharmaindustrie bei aller Korruption und Käuflichkeit im Kern bemüht war, das Richtige zu tun

Foto: Alamy Stock Photo
Um seine medizinische Ethik und Unabhängigkeit zu wahren, verweigert der antike griechische Arzt ­Hippokrates die Geschenke des persischen Großkönigs ­Artaxerxes II., der um seine Dienste bat – dargestellt auf einem 1792 entstandenen Gemälde von Anne-­Louis ­Girodet ­Trioson.

Als Medizinstudent in Dublin hatte ich das Privileg, im Fach Psychiatrie von Professor ­William ­Ivory »Ivor« ­Browne (1929–2024) unterrichtet zu werden. ­Browne war nicht nur Psychiater, sondern auch Musiker. Ihn als exzentrisch zu beschreiben wäre eine Untertreibung. Mir ist noch in Erinnerung, wie er mit seinen fast zwei Metern in seinem kleinen Auto zusammen mit drei von uns Medizinstudenten eine irische Flöte spielte, während er in die falsche Richtung in eine Einbahnstraße fuhr und dabei das Lenkrad mit den Knien steuerte. Nach kurzer Zeit wurden wir von einem Polizisten angehalten, der uns fragte, wo wir hinwollten. »Zur Irrenanstalt«, antwortete ­Browne, was auch der Wahrheit entsprach.
Trotz – oder vielleicht wegen – dieser Exzentrizität war ­Browne einer der einfühlsamsten und besten Ärzte, die mir je begegnet sind. Nach einer Zeit an der Harvard University hat er zusammen mit dem tschechisch-amerikanischen Psychiater ­Stanislav »Stan« ­Grof (* 1931) das Konzept von unterdrückten traumatischen Erfahrungen als »gefrorene Gegenwart« entwickelt. 2021 beschrieb ­Browne dieses Konzept wie folgt: »Sobald diese Abschaltung (»shutdown«) durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst wird, ist die Erfahrung gefroren. Eine bedrohliche Erinnerung wird nicht unterdrückt, sondern hat sich nie richtig etablieren können. Einmal gefroren, ist diese Erinnerung außerhalb der Zeit. Zwanzig Jahre später kann sie durch ein Alltagsereignis aktiviert werden. Das Trauma wird erfahren, als ob es gerade stattfindet. Man erinnert sich nicht daran, sondern man fühlt und erlebt es. Natürlich denkt man in dem Augenblick, daß man verrückt ist, denn man schaut um sich und es passiert nichts Traumatisches, und dennoch erlebt man ein traumatisches Gefühl. Deshalb habe ich das Phänomen ›gefrorene Gegenwart‹ genannt, denn es imponiert als Gegenwart und nicht als Vergangenheit. Erst nachdem man dieses Phänomen einige Male durchgemacht hat, bewegt sich die Erinnerung in die Vergangenheit.«

Gefrorene Gegenwart

­Grof und ­Browne waren Pioniere in der Verwendung von Psychedelika wie LSD, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und psychisch zu integrieren. Diese Substanzen führen zu einem Bewußtseinszustand, in dem die Grenze zwischen Selbst und Außenwelt aufgelöst wird. Ihre Arbeit wurde weiterentwickelt von prominenten Therapeuten wie dem ungarisch-kanadischen Psychiater ­Gabor ­Maté (* 1944) sowie dem niederländisch-amerikanischen Psychiater Bessel van der Kolk (* 1943).
Eine weitere Gemeinsamkeit war ihre kritische Haltung gegenüber der breiten Verwendung klassischer Psychotherapeutika. Für ­Grof bestand die Hauptfunktion dieser Mittel lediglich in der Unterdrückung von Symptomen, während ­Browne insbesondere Antidepressiva kritisch sah. In dem Dokumentarfilm Meeting with Ivor (2017) kritisierte er, daß diese »sehr süchtig machen und schwer abzusetzen« seien. Zudem seien sie »wirkungslos«, »sie können vorübergehend Linderung verschaffen, aber sie erreichen auf lange Sicht nichts«.
Den Leser wird es nicht wundern, daß ich nach dieser Ausbildung größte Schwierigkeiten hatte, meine Psychiatrieprüfung zu bestehen. Hier sah ich mich dem inquisitorischen Blick eines psychopharmakologischen Maximalisten ausgesetzt, dessen Fragen ausschließlich um die Dosierungen und Anwendungsgebiete von Substanzen kreisten, von denen ich die Überzeugung gewonnen hatte, sie seien gelegentlich für den Noteinsatz nützlich, könnten aber niemals zu einer wahren Heilung psychiatrischen Leidens führen.
Jetzt, mehr als vierzig Jahre später, beginnen wir zu sehen, wer recht hatte, Pioniere wie ­Browne und ­Grof oder die Pharma-Hardliner mit ihrem medizinischen Modell von psychiatrischen Erkrankungen. Vereinfacht ausgedrückt geht dieses Modell davon aus, daß Erkrankungen des Geistes im Kern das Ergebnis einer Störung in der Funktion des Gehirns sind, so wie Diabetes mellitus Typ 1 aus einer Störung in der Funktion der Bauchspeicheldrüse resultiert.
In den sechziger und siebziger Jahren entstand nämlich die Hypothese, Geisteskrankheiten seien das Ergebnis eines »chemischen Ungleichgewichts« im Gehirn. Der schwedische Neuro­pharmakologe ­Arvid ­Carlsson (1923–2018) widmete sein Leben dem Studium des Neurotransmitters Dopamin und bekam im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeiten zum Morbus Parkinson, der aus einem Mangel an Dopamin in bestimmten Hirn­arealen resultiert. Basierend auf einer Beobachtung von ­Carlsson, daß die starken Beruhigungsmittel Chlorpromazin und Haloperidol im Mausgehirn die Rezeptoren für Dopamin blockieren, postulierte der niederländische Pharmakologe ­Jacobus »­Jacques« ­Maria van ­Rossum (1930–2020) 1967, daß ein Dopaminüberschuß zu Schizophrenie führen kann. Im selben Jahr stellte der englische Psychiater ­Alec ­James ­Coppen (1923–2019) die Hypothese auf, daß auch die Depression ihre Ursache in einer chemischen Störung im Gehirn hat, und zwar durch einen Mangel des Botenstoffs Serotonin.

Haloperidol im Mausgehirn

Mit beiden Hypothesen – Dopaminüberschuß bei der Schizophrenie, Serotoninmangel bei der Depression – war ein sich leicht zu merkendes Modell für die zwei schwersten psychotischen Störungen aufgestellt. Diese Idee wurde von der Pharmaindustrie dankbar aufgegriffen. Insbesondere die sogenannten SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) erfreuten sich einer Beliebtheit, die weit über die Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen hinausging. Besonders bekannt wurde das Medikament Fluoxetin, das unter dem Namen Prozac Teil der populären Kultur wurde und für den US-amerikanischen Hersteller Eli Lilly zwischen 1988 und 2001 Einnahmen von mehr als 20 Milliarden US-Dollar (50 Milliarden in heutigen Dollar) generierte. Das 1993 erschienene Buch Listening to Prozac des US-Psychiaters ­Peter D. ­Kramer (* 1948), in dem SSRI als Möglichkeit beschrieben wurden, sich »besser als wohl« zu fühlen, wurde zum Bestseller. So wie ­Drew ­Weissman (* 1959) und ­Katalin Karikó (* 1955), die mit den Impfstoffherstellern BioNTech und Moderna innig verbunden waren, 2023 den Medizinnobelpreis erhielten, war auch der Medizinnobelpreisträger ­Arvid ­Carlsson eng mit der Pharmaindustrie verbunden. So war er maßgeblich an der Entwicklung des ersten SSRI, Zimelidin, beteiligt, der 1982 von Astra AB auf den Markt gebracht wurde.
Wie ich in meiner Prüfung schmerzlich erfahren mußte, galt für den psychiatrischen Mainstream in den achtziger Jahren die Theorie eines »chemischen Ungleichgewichts« als Haupt­ursache psychotischer Störungen als Dogma. Aber wie wir heute wissen, war an dieser Theorie so gut wie alles falsch. 2022 haben ­Joanna Moncrieff (* 1966) vom University College London und ihr Team die Serotonin-Hypothese gründlich widerlegt; ein populärwissenschaftliches Buch von ­Moncrieff zum, wie sie es nennt, »Serotonin-Mythos« erschien im September 2025. Auch die Dopamin-Hypothese pfeift aus dem letzten Loch, wobei sich ihre Verfechter in einem hartnäckigen Rückzugsgefecht noch an einigen Fetzen festklammern.

Der »Serotonin-Mythos«

Nun mag man einwenden, daß auch eine falsche Theorie zu guten Ergebnissen führen kann. ­Kolumbus wähnte sich auf dem Weg nach Indien und entdeckte dabei Amerika. Können wir also auch bei Psychopharmaka »Ende gut, alles gut!« ausrufen?
Leider nein. Obwohl Antidepressiva wie SSRI schätzungsweise von jedem zehnten Erwachsenen in Deutschland eingenommen werden, ist die Evidenz ihrer Wirksamkeit bescheiden. Wie ­Ivor ­Browne vierzig Jahre zuvor bezeichnet ­Joanna ­Moncrieff sie heute als »wirkungslos«: Viele Symptome rührten nicht von der Erkrankung her, sondern von der Medikation. Eine Auswertung von 218 Studien im Jahr 2024 zeigte, daß in der Behandlung schwerer Depressionen regelmäßige Bewegung Psychopharmaka deutlich überlegen war. Der US-Psychiater ­Peter ­Breggin (* 1936) kritisiert SSRI und die Neuroleptika für ihre Nebenwirkungen, wie gewalttätige Ausbrüche, Suizidalität und Hyperaktivität. Er sieht die Psychiatrie durch einen »psychopharmazeutischen Komplex« vorangetrieben, der mehr Interesse an Gewinn hat denn an echter Heilung. Ansätze, die nicht auf Symptomunterdrückung abzielen, sondern auf die Identifizierung und Behandlung der Ursachen in der Biographie des Patienten, wie von ­Browne und ­Grof praktiziert, werden noch heute oft als unwissenschaftlich marginalisiert und kritisiert – eine Kritik, die vor dem Hintergrund des Scheiterns des Modells vom »chemischen Ungleichgewicht« hohl klingen muß.
Ich bin Arzt mit langer Erfahrung, doch kein Spezialist für Geisteskrankheiten. Dennoch sehe ich Parallelen zwischen dem Gebiet der Psychopharmakologie und anderen Bereichen der Medizin. So wird in den letzten Jahren bei der Behandlung von Altersdiabetes zunehmend klar, daß unsere Medikation zwar den Blutzucker normalisiert, aber wenig gegen Langzeitauswirkungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ausrichtet. Im Gegenteil, große Studien haben gezeigt, daß eine intensivierte medikamentöse Behandlung die Rate an Krankheit und Tod nicht senkt, sondern erhöht. Lebensstilbasierte Ansätze wie Gewichtsnormalisierung, Bewegung und ausgewogene Ernährung führen bis heute eine stiefmütterliche Existenz, obwohl gezeigt wurde, daß diese das Übel an der Wurzel packen und nicht nur den Blutzucker senken, sondern den gesamten Stoffwechsel wieder ins Lot bringen. Erst die Entwicklung neuer Appetitzügler wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro, die sich in kürzester Zeit zu Blockbustern entwickelt haben (der Ozempic-Hersteller Novo Nordisk erwirtschaftet zehn Prozent des dänischen Bruttoinlandsprodukts), ist das Interesse an Gewichtsnormalisierung wiederaufgeflammt. Ob sie sich dauerhaft etablieren können oder wie ihre Vorgänger wegen Nebenwirkungen wieder verschwinden, bleibt abzuwarten.
Es fällt auf, daß es hier um Volkskrankheiten geht. In Deutschland leidet jeder achte Erwachsene an Diabetes, während jeder siebte irgendwann an einer Depression leiden wird. Die wirtschaftlichen Anreize liegen also auf der Hand. Aber selbst diese Krankheiten markieren nicht die Marktgrenze, denn oft existiert, wie bei Prozac, ein fließender Übergang zwischen Therapie und Lebensoptimierung.
Corona hat meine Sicht auf die Welt geändert. Bis 2019 hatte ich angenommen, daß die Pharmaindustrie bei aller Korruption und Käuflichkeit im Kern bemüht war, das Richtige zu tun. Nie hätte ich gedacht, daß man aus Gier bereit sein würde, Produkte mit enormem Schadenspotential auf den Markt zu bringen, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen war. Aber wir müssen feststellen, daß es so ist. Deshalb habe ich die Berufung des Pharmakritikers ­Robert F. ­Kennedy Jr. (* 1954) als Gesundheitsminister der USA sehr begrüßt. Wenn er mit dem Komplex um chronische somatische Erkrankungen fertig ist, wäre es für ihn lohnend, auch einen Blick auf die pharmakologische Behandlung geistiger Erkrankungen zu werfen. ◆

Bild von PAUL CULLEN,

PAUL CULLEN,

geb. 1960 in Dublin; Internist, Labormediziner, Molekularbiologe und Leiter eines medizinischen Labors in Münster. Vorsitzender des Vereins Ärzte für das Leben. In Cato erschien von ihm zuletzt »Big Pharma im tiefen Staat« zu Tony Fauci, Bobby Kennedy Jr. und der Demontage des militärisch-medizinisch-industriellen ­Komplexes (3/2025).

No. 1 | 2026

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Kategorie: Artikel Stichworte: Artikel, Cullen

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