Die Grünen sind das Konzentrat und die partei-politische Speerspitze einer Ideologie, die längst auch die meisten anderen Parteien und fast alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt. Deshalb sind Wahlkämpfe, die sich auf Kritik an Personen, temporären Parteiprogrammen und Narrativen beschränken, Schattenspiele, die das Verhängnis bestätigen
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Grüne Hegemonie
Es ist ganz gleich, wie viele Stimmen die einzelnen Parteien bei der Bundestagswahl für sich verbuchen werden. Das Ergebnis steht schon fest. Auch nach dem 23. Februar werden die Grünen in der Politik den Takt, den Ton und die Richtung vorgeben, wie sie es seit fünfundzwanzig oder dreißig Jahren tun. In dieser Zeit waren sie lediglich acht Jahre an der Bundesregierung beteiligt, doch um ihre kulturelle Hegemonie in die politische Tat umzusetzen, haben sie keine Ministerposten nötig.
Man kann die Grünen nicht verstehen, wenn man sie nur als Partei wahrnimmt. Vor allem sind sie die Materialisierung einer Geisteshaltung, einer Ideologie, die die bundesdeutsche Gesellschaft hervorgebracht hat und sie inzwischen in allen Bereichen durchdringt. Die Grüne Partei ist lediglich ihr Konzentrat, die parteipolitische Organisationsform und Speerspitze, so daß sie auch dort, wo sie Mandate verliert oder sogar aus Parlamenten ausscheidet, als transzendente Kraft wirksam bleibt.
Sie hat sich die anderen Parteien unterworfen und ihnen das Mark, ihre Alleinstellungsmerkmale, aus den Knochen gesogen. Die Sozialdemokraten haben aufgehört, ihre soziale Verantwortung für die arbeitenden Menschen wahrzunehmen. Gleiches gilt für die Linkspartei, die darüber hinaus als Stimme der Ostdeutschen verstummt ist. Grün durchwirkt ist auch das Bündnis Sahra Wagenknecht und deshalb außerstande, die hinterlassene Repräsentationslücke zu füllen. Die Liberalen haben ihre natürliche Rolle als Verteidiger bürgerlicher Freiheiten und der Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat aufgegeben. Und die Konservativen sind nicht imstande, die Kräfte, die unter der Flagge des Fortschritts nach vorn drängen, unter Beweiszwang zu stellen, daß sie Besseres als das Bestehende zu bieten haben. Für alle gilt der Ausspruch einer Grünen-Funktionärin, die 2015 auf der griechischen Insel Lesbos ein Boot mit Neuansiedlern in Empfang nahm: »Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!«
In der Tat, das Land hat sich verändert, und zwar drastisch. Sogar die für unverwüstlich gehaltene deutsche Wirtschaft ist durch grüne Traumtänzerei ins Wanken geraten. Die schleichende Deindustrialisierung und Kapitalflucht ins Ausland haben begonnen, die »feministische Außenpolitik« hat die deutsche Mittelmacht international zur Lachnummer werden lassen. Der Staat hat die Schutzfunktion gegenüber seinen Schutzbefohlenen aufgegeben, verlangt aber von ihnen desto energischer Gehorsam. Der Leviathan hat sich zum Behemoth gewandelt, der harmlosen Bürgern, die ihrem Zorn über die zerstörerische Politik auf Twitter Luft machen, frühmorgendlich die Tür eintritt.
Die Bundestagswahl wird die institutionalisierte Dysfunktionalität und Destruktivität bestätigen. Ein paar Namen und Köpfe werden ausgetauscht, ein paar kosmetische Veränderungen vorgenommen werden. Die grüne Dominanz aber wird unangetastet bleiben. Sie hat zwei Grundelemente: Erstens die strikte Moralisierung des Politischen, die sich über die Realität und sachliche Notwendigkeiten souverän hinwegsetzt. Moralisierung heißt, die eigene Position zu überhöhen und zu verabsolutieren. Einwände und Gegenargumente werden nicht mit Vernunftgründen widerlegt, sondern als unmoralisch abgewertet und sanktioniert bis hin zur Kriminalisierung. Die Moralisierung der Politik äußert sich in einer sentimentalen, ins Infantile abgleitenden Sprache. Kanzlerin Angela Merkel begründete ihren Grundsatzentschluß zur Grenzöffnung 2015 damit, daß Deutschland »in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen« müsse. Was im Umkehrschluß heißt, die Kritiker ihrer Politik zeigten eine böse, haßerfüllte Grimasse. Der Übergang von der moralischen Erpressung zur handfesten Repression ist fließend, denn »Haß und Hetze« gelten als Indizien verfassungs-, demokratie- und fremdenfeindlicher Bestrebungen. Sie begründen den »Aufstand der Anständigen«, der jederzeit neu angefacht werden kann und Andersdenkenden ruhig mal – im Jargon der hessischen Antifa – »das Leben zur Hölle machen« darf.
Das zweite Element ist der Bezug auf eine unumstößliche, universelle Wahrheit. Als eine solche wurde die »Klimakrise« beziehungsweise »Klimarettung« implementiert. Es handelt sich um keine wissenschaftlich oder empirisch begründbare, sondern um eine zivilreligiöse Angelegenheit mit massenpsychologischem Potential. Die öffentlich zelebrierten Emotionen erinnern an die Exzesse von Endzeitsekten. Die »Klimarettung« ist aber auch ein Vehikel für die Planer einer auf »globale Gerechtigkeit« ausgerichteten »Weltinnenpolitik«. Das gibt den Grünen die Gelegenheit, als Sprecher einer »globalen Verantwortung« aufzutreten. Diese rechtfertigt sowohl Steuererhöhungen als auch den multiethnischen Umbau des Landes, denn da »wir« uns am Klima versündigt haben, müssen »wir« nun alles tun, unsere »Schuld« abzutragen, indem »wir« beispielsweise die »Klimaflüchtlinge« willkommen heißen.
Nötig sei eine »Gerechtigkeit, die den Rest der Welt nicht ausschließt«, verkündete die Parteivorsitzende Franziska Brantner jüngst auf dem Grünen-Parteitag. Der Rest der Welt besteht aus immerhin 99 Prozent der Weltbevölkerung. Es handelt sich keineswegs nur um Rhetorik. Wer die Anreise nach Deutschland technisch bewältigt hat, besitzt in der Logik der Grünen ein Zugriffsrecht auf seine Sozialsysteme und prospektiv auf die Staatsbürgerschaft. Deutschland ist nur die Verwaltungseinheit einer Weltgesellschaft und verfügt darin nicht einmal über Autonomierechte.
Es ist naheliegend, die staatliche Selbstnegation psychologisch, als Autoaggression, zu deuten, doch muß auch an den deutschen Idealismus erinnert werden, wie ihn Schiller 1797 in dem Gedichtfragment »Deutsche Größe« formuliert hat: »Höhern Sieg hat der errungen, / Der der Wahrheit Blitz geschwungen, / Der die Geister selbst befreit. / Freiheit der Vernunft erfechten / Heißt für alle Völker rechten, / Gilt für alle ewge Zeit.« Es wurde geschrieben in einer Zeit politischer Impotenz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Man kann es daher als Kompensationsversuch und Flucht in den Universalismus lesen, was Heine fünfzig Jahre später spotten ließ: »Franzosen und Russen gehört das Land, / Das Meer gehört den Britten, / Wir aber besitzen im Luftreich’ des Traums / Die Herrschaft unbestritten.«
Die grüne Ideologie ist selbstmörderisch
Das war harmlos, interessant und sogar liebenswert, solange der Unterschied zwischen Theorie und Praxis bewußt blieb. Gefährlich und am Ende selbstmörderisch wurde es, als Luftträume sich in Wirklichkeit verwandeln sollten, exzessive Ideen sich verselbständigten und sich mit ökonomischer und militärischer Stärke verbanden.
Nach 1945 übernahmen die beiden deutschen Teilstaaten die politischen Modelle, die ihnen die jeweiligen Siegermächte verordneten: die DDR den Sozialismus, der nach der gültigen Lehre mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln auch die Wurzeln des Faschismus ausrottete; die Bundesrepublik ein Liberalismusmodell in Wilson-Rooseveltscher Ausprägung. Beiden Entwürfen war gemeinsam, daß sie einen universalistischen und missionarischen Anspruch erhoben. Nur waren beide Staaten bloß noch die macht- und geopolitische Funktion ihrer Hegemonen.
Nach zwei verlorenen Weltkriegen war den Deutschen die Entscheidungsgewalt über ihr nationales Schicksal aus der Hand genommen. Die Behauptung, für das ganze Deutschland zu sprechen, die beide deutschen Staaten bei ihrer Gründung aufstellten, war daher grotesk. Eine begrenzte Relevanz besaß allein der westliche Alleinvertretungsanspruch, denn die Attraktion des Gesellschaftsmodells wirkte ausschließlich von West nach Ost. Das Bundesverfassungsgericht hielt im Grundsatzurteil von 1973 fest, die Bundesrepublik beschränke »staatsrechtlich ihre Hoheitsgewalt auf den ›Geltungsbereich des Grundgesetzes‹«, fühle »sich aber auch verantwortlich für das ganze Deutschland«.
Toxische Geistesblüten
Das »Offenhalten der deutschen Frage« bedeutete idealerweise, die Ausgangslage zu akzeptieren, auf ihre Veränderung hinzuwirken und geduldig um ein Mitsprachrecht zu ringen. Der Bonner Staat hatte ständig zu prüfen, ob und wie seine Entscheidungen die Aussicht auf die Wiedervereinigung tangierten, welche Rückwirkungen sie auf die DDR-Bürger hatten und ob und in welcher Weise sie die Situation und Handlungsfreiheit eines wiedervereinten Deutschland präjudizierten. Was einen Bismarck an die Grenzen seiner Möglichkeiten gebracht hätte, mußte die Deutschen mehrheitlich überfordern. Das Nietzsche-Wort: »sie sind von Vorgestern und von Übermorgen, – sie haben noch kein Heute«, galt mehr denn je.
Um den DDR-Homunculus am Leben zu erhalten, mußte um ihn eine Mauer errichtet werden. In der BRD, wo es komfortabler zuging, ließ sich dagegen von innen her ein ästhetisiertes Heute erschaffen. Seit Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre bildete sich unter dem Druck innen- und außenpolitischer Belastungen eine Synthese aus Wirtschaftswunder und Vergangenheitsbewältigung, aus Hedonismus und Selbstanklage, aus »Spaßgesellschaft und Schuldgemeinschaft« (Günter Zehm) heraus. Ihr geistiger Extrakt war die »Hypermoral« (Arnold Gehlen), die Illusion, seine politische Ohnmacht durch die Macht der Moral in eine neue Art von Stärke verwandeln zu können. Hitler hatte die deutsche Politik gänzlich unmoralisch gemacht. Die geläuterten Bundesdeutschen erfanden sie neu und übersetzten sie in die Kategorien der Familienmoral. Sie hoben ihre historische Schuld und zugleich ihre aktuelle Fried- und Bußfertigkeit hervor in der Erwartung, von den moralisch überlegenen Vormächten Anerkennung und Schonung zu erlangen.
Hitler (beziehungsweise Auschwitz) wurde zum epiphanischen Ereignis, das zur totalen Um- und Abkehr von aller bisherigen Nationalgeschichte aufforderte. 1945 wurde Deutschland auf die Stunde Null gesetzt und zu einem Brachland, das gänzlich neu bestellt werden mußte. Es war einer Gotteslästerung gleichgekommen, als Ernst Nolte es 1986 unternahm, die Hitler-Epiphanie zu historisieren und zu rationalisieren. Die richtige Lehre aus der Geschichte, zürnte Jürgen Habermas, sei erst gezogen, »wenn nationaler Stolz und kollektives Selbstwertgefühl durch den Filter universalistischer Wertorientierung hindurchgetrieben werden«. Was bedeutete, alles Spezifische, Partikulare, alles nationale Eigeninteresse auszusondern. Arnold Gehlen hatte 1969 konstatiert: »Diese beispiellose Situation hat nur für sehr kleine Interessentenkreise Vorteile, so für Intellektuelle, Fabrikanten und den kleinen Kreis der Erkennenden.«
Die drastischen Veränderungen, denen Deutschland heute unterworfen wird und die von den Grünen gefeiert werden, haben einen langen Vorlauf. Die Grünen haben den hypermoralischen Geist nicht erfunden, er entstammt der Umerziehung, der Frankfurter Schule, er wurde verbreitet von Akademikern, Publizisten, Intellektuellen, doch während die Wurzeln der anderen Parteien bis in das Kaiserreich zurückreichen, haben die Grünen als die unverfälschten Kinder der Bundesrepublik ihn mit der Muttermilch eingesogen. In ihnen ist der Geist der Bundesrepublik zu sich selbst gekommen und zur transzendenten politischen Kraft geworden. Die Politikergeneration, die 1990 die als »Wiedervereinigung« bezeichnete Ostausdehnung der Bundesrepublik zustande brachte, war bereits ein lebender Anachronismus.
Die Ostdeutschen konnten die toxischen Geistesblüten, die im bundesdeutschen Treibhaus herangezüchtet worden waren, nicht deuten. Sie hatten in holder Naivität das Stalin-Wort im Sinn: »Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber, der deutsche Staat bleibt.« Erst recht konnten sie sich nicht vorstellen, daß der von Brecht als Machtkritik gemeinte, groteske Vorschlag, eine Regierung, der ihr Volk nicht passe, solle selbiges auflösen und sich ein neues wählen, jemals in den Bereich des Möglichen rücken könnte.
Die Grünen sind mithin das Konzentrat und die parteipolitische Speerspitze einer Ideologie, die längst auch die meisten anderen Parteien und fast alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt. Deshalb sind Wahlkämpfe, die sich auf Kritik an Personen, temporären Parteiprogrammen und Narrativen beschränken, Schattenspiele, die das Verhängnis bestätigen. ◆

THORSTEN HINZ,
geb. 1962 in Barth, ist freier Autor und Journalist. In Cato 6/2024 schrieb er zuletzt »Vom Königtum zum Zaunkönigtum«.