Rüdiger Safranski (* 1. Januar 1945) ist ein mit zahlreichen hochdotierten Preisen bedachter Schriftsteller. Mit seinen Biographien über Europas Dichter und Denker hat er die deutsche Literatur enorm bereichert
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So etwa könnte Rüdiger Safranski seinen Austritt aus der maoistischen KPD/AO gefeiert haben. (Gustave Courbet, Le Bord de mer à Palavas, »Meeresküste bei Palavas«, 1854)
Herr Professor Safranski, 1994 habe ich hier in Ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg mein erstes Fernsehinterview mit Ihnen gemacht. Anlaß und Thema war Ihre Biographie über den deutschen Philosophen Martin Heidegger. Ihr Buch heißt Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Der Titel bezieht sich natürlich, und das wußte zu unserer Zeit noch jeder Primaner, auf Paul Celans Gedicht »Todesfuge«. Dort heißt es: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.« Warum haben Sie damals diesen Titel gewählt: Ein Meister aus Deutschland?
Mir war selbstverständlich sehr bewußt, daß sich der Titel an Paul Celan anlehnt, und natürlich wurde das auch so verstanden. Aber es sollte noch etwas anderes anklingen, nämlich daß es auch noch andere Meister in Deutschland gibt. Ich wollte an den Mystiker Meister Eckhart und damit an die mystische Variante bei Heidegger erinnern, und zum dritten auch noch an den Hans Sachs in Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg.
Hans Sachs, den Richard Wagner nicht erfunden hat, war ein Nürnberger Schuhmachermeister, Dichter und Sänger, er kam 1494 zur Welt und ist 1576 gestorben.
Richtig. Und auch Heidegger hat etwas Meisterliches, durchaus auch im handwerklichen Sinne. Er selber hat sich ja auch manchmal als Handwerker der Philosophie angesehen. Also diese Aspekte des Meistertums wollte ich anklingen lassen. Allerdings haben manche Kritiker diese anderen Bedeutungen nicht mitrealisiert. Man nahm an, meine Absicht wäre es gewesen, mit Heidegger, dem Todesmeister aus Deutschland, abzurechnen und nichts sonst.
Ihre Heidegger-Biographie war alles andere als eine Abrechnung im Sinne der Linken.
So ist es. Es geht vielmehr um eine ungeheure Ambivalenz. Ich hatte in meinem ersten Semester in Frankfurt noch Vorlesungen von Theodor Adorno gehört und war natürlich schwer beeindruckt, als ich dann 1964 Adornos Jargon der Eigentlichkeit gelesen habe …
… Das ist Adornos Abrechnung mit Heidegger, dem er vorwirft, als Philosoph immer noch im Jargon der NS-Zeit zu schreiben …
… Ich war also von Adorno fasziniert, aber eben auch von Heidegger, und mein Heidegger-Buch trägt gewissermaßen dieses Spannungsverhältnis zwischen diesen Antipoden aus. Einerseits Adorno, der heimliche Metaphysiker, andererseits Heidegger, der unheimliche Metaphysiker.
Wir sprechen über die Meister Heidegger, Eckhart und Richard Wagners Hans Sachs. Gibt es noch Meister in Deutschland?
Nein, diese Art von Meistertum ist in Verruf geraten, leider. Und deswegen ist diese Art von Meistertum auch einstweilen vorbei. Heideggers seltsames Pathos, das speziell Deutsche in der deutschen Philosophie, das war noch nicht bis zur Unerkennbarkeit mit außerdeutschen Philosophien vermischt. Es ist ein Gewinn, wenn sich die Kulturen profilieren und noch hart voneinander unterscheiden. Und gerade deswegen spannungsvoll aufeinander zugehen können. Immer ist die Differenz das Besondere und nicht der kulturelle Einheitsbrei, wie wir ihn heute erleben.
Meister und Handwerk, das ist in der Regel eine handfeste Angelegenheit. Doch besonders handfest geht es in Deutschland derzeit nicht zu. Auch aufgrund von Hypermoral und Wokeness droht eine massive Deindustrialisierung. Schaufeln wir uns gerade ein Grab in den Lüften?
Das Grundproblem ist der gesellschaftliche Realitätsverlust. Das ist ein Grundproblem inzwischen auch in der deutschen Politik. Realitätsverlust, das ist nicht nur ein deutsches Phänomen, aber in Deutschland ganz besonders. Und es wird uns ja jetzt auch die Rechnung präsentiert. Es stellt sich immer mehr heraus, daß wir uns einen Staat leisten, den wir wirtschaftlich gar nicht mehr bezahlen können. Daß wir Wohltaten verteilen, die wir uns nicht mehr leisten können. Daß der Sinn für die elementaren Wertschöpfungsprozesse auch in der Politik verlorengehen kann, die Verbindung zur Basis geht verloren, alles ist nur noch Überbau. Man lebt in dem Gefühl, irgendwie kommt alles aus der Steckdose, man kann sich das Moralisieren leisten und moralisiert dabei die Wirtschaft in Grund und Boden. Mentalitätsmäßig ist das alles eine Mischung aus Verwahrlosung, Verwöhnung und Realitätsverlust.
Ist Deutschland das Land der Zauberlehrlinge geworden? Die, wie jener in Goethes Gedicht, selbstherrlich meinen, auch ohne den Meister zu Großtaten befähigt zu sein, und dabei schrecklichen Schaden anrichten?
Immerhin hat Goethes Zauberlehrling ein Einsehen und ruft den Meister zurück: »Herr und Meister! hör’ mich rufen! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.« Doch von Einsicht in diesem Sinne ist hierzulande nicht viel zu sehen. Offenbar gab es in den USA einen ähnlichen Effekt, weswegen Trump die Wahl gewonnen hat. Und vielleicht hilft uns das und es gibt auch bei uns eine Rückkehr zur Realität in der Folge der Schockwelle durch den Politikwechsel in den USA.
Die Differenz ist das Besondere,
nicht der kulturelle Einheitsbrei.
Nach der Heidegger-Biographie 1994 haben Sie drei Jahre später Das Böse oder Das Drama der Freiheit publiziert. Warum haben Sie die Freiheit und das Böse miteinander in Beziehung gesetzt?
Weil man beim Nachdenken über das Böse auf das Phänomen der menschlichen Freiheit kommt. Und umgekehrt, beim Nachdenken über die menschliche Freiheit stößt man unweigerlich auf das Problem des Bösen. Ein deterministisches Welt- und Menschenbild kennt nicht das Böse. Kann es gar nicht begreifen. Das heißt, von dem Bösen im nicht nur landläufigen Sinn, sondern wirklich im expliziten Sinne, kann man eigentlich nur dann sprechen, wenn es beim Menschen eine bewußte und absichtsvolle Option gibt, zu vernichten, zu quälen, ins Dunkel zu gehen und so weiter. Und da kommt der Sündenfall ins Spiel. Der Mensch ist ein Risikofall für sich selbst, er ist frei genug, sich und andere zu zerstören und eine ganze Welt zu verwahrlosen. Das ist gemeint mit dem Mythos des Sündenfalls. Deshalb beginnt auch mein Buch damit. Theologisch gesprochen heißt das: Gott hat den Menschen mit dem Bedeutendsten und Kostbarsten und Würdigsten ausgestattet, nämlich mit der Freiheit. Und diese Freiheit aber impliziert ein Risiko. Der Mensch muß sich auch für das Nichtzerstörerische, für das Gute oder jedenfalls für das Gelingende selber entscheiden. Er ist selber verantwortlich, auch für den Mißgriff. So habe ich damals geschrieben. Für das Böse gibt es heute gar keine richtige Sprache. Das wird wegerklärt. Aber das läuft auch darauf hinaus, daß Verantwortung nicht mehr richtig zugewiesen wird. Denn wenn man das Böse begreift, dann begreift man, wie verantwortlich der Mensch auch für sich selbst ist. Und dann begreift man ja auch überhaupt, wie man auf die Idee kommt, den Menschen zu zähmen, zu zivilisieren, gerade weil er diese negativen Optionen hat. Hierzulande herrscht heute ein viel zu wohlmeinendes, man könnte auch sagen unreifes Menschenbild. Man sollte näher an Hobbes – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – heranrücken als an Rousseau.
Denn im Gegensatz zum englischen Philosophen Thomas Hobbes ging der Genfer Jean-Jacques Rousseau davon aus, daß der Mensch von Natur aus gut sei. Ich habe Ihr Buch 1997 in meiner TV-Sendung »Buchhandlung« vorgestellt und denke, es ist deshalb noch aktuell, weil die Defizite mit der galoppierenden Säkularisierung immer größer geworden sind.
Allerdings, denn man ist im Grunde analytisch nicht auf der Höhe des Mysteriums, das der Mensch darstellt. Aber um auf diese Höhe zu kommen, muß man das Dunkle im Menschen selber wahrnehmen.
Man kann die Demokratie ruinieren beim Versuch,
sie zu verteidigen.
Für altmodische Katholiken ist das Böse keine bloße Metapher. Soll heißen, daß Luzifer, der gefallene Engel, wirklich existiert. Goethe brauchte in seiner Faust-Tragödie den Teufel: »Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.« Und: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht«, das sagt Mephistopheles dort bei seinem Vorstellungsgespräch beim Doktor Faust. Hochinteressant auch, daß Heinrich von Kleist in seinem Lustspiel Der zerbrochne Krug den Dorfrichter Adam, der gegen sich selbst ermitteln muß und sich nach Kräften bemüht, für unschuldig gehalten zu werden, gegen Ende sagen läßt: »Man hat viel beißend abgefaßte Schriften, die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen; jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß, kein Atheist noch bündig wegbewiesen.« Kleists Krug ist 1808 von Goethe in Weimar uraufgeführt worden und dort leider durchgefallen. Was Kleist hier verarbeitet, ist die atheistische säkulare Aufklärung. Soll heißen: Gott gibt es nicht, aber den Teufel noch durchaus. Heute leugnet man die Existenz beider. Und manche sagen, das sei der größte Sieg Luzifers. Wie konkret ist das Böse für Sie?
Ich bin kein Freund der Dämonologie. Um das Böse zu begreifen, brauche ich nicht eine Besessenheit durch eine Gegenmacht, also sagen wir mal, durch den Teufel. Der heilige Augustinus spricht von Verstocktheit, die den Menschen zur Sünde verführt. Man kann das in eine nichttheologische Sprache übersetzen und sagen, daß Besessenheit oder Verstocktheit eine Art der Selbstverfehlung des Menschen ist, die ihn dem Bösen ausliefert, wenn er Transzendenzverrat begeht. Dann verliert er die entscheidende Dimension. Dann wird es eng in ihm, und dann ist die Verführung groß, die bösen Ambitionen, die in ihm stecken, auszuleben.
Sie haben vor rund 30 Jahren über die Freiheit nachgedacht und geschrieben. Hat sich Ihr Denken über die Freiheit seitdem verändert? Präsident Trump spricht aktuell offen vom »Tiefen Staat« und will die von dort angegriffene »freie Rede« wieder uneingeschränkt gelten lassen. Die Gegenbewegung erleben wir derzeit in Deutschland mit dem Kampf gegen »Haß und Hetze«. Der Grünen-Politiker Robert Habeck verlangt neuerdings ganz offen Zensur auf gewissen Internetplattformen. Wie beurteilen Sie diese Lage?
Vorab: Ich bin freier Schriftsteller, und bislang hat noch nie jemand von staatlicher Seite aktiv versucht, mich daran zu hindern, das zu sagen, was ich sagen möchte. Allerdings ist der sogenannte Mainstream von dem bereits erwähnten Realitätsverlust und von einem zum Teil unerträglichen Moralismus geprägt. Und als ich mich 2015/16 in der Flüchtlingskrise zu Wort gemeldet und mich insbesondere von der »Begrüßungskultur« distanziert habe …
… Man warf Ihnen damals vor, einen antimodernen Diskurs der politischen Rechten aufzugreifen …
… da bin ich in der Presse angefeindet worden, und das ging tatsächlich bis zum Faschismusverdacht, ohne diesen Vorwurf machen wir das ja heutzutage gar nicht mehr. Aber das kam aus dem gesellschaftlichen Bereich. Doch die Politik tut natürlich etwas dazu, ich denke da an die Meldestellen für sogenannte Demokratiefeinde, die man einrichten will oder zum Teil schon eingerichtet hat, ein Spitzelsystem also, Ermunterung zur Denunziation, Mobilisierung der Blockwartmentalität. So kann man Demokratie ruinieren beim Versuch, sie zu verteidigen.
Dieser Gegenwind traf Sie 2015/16 zum ersten Mal. Bis dahin sind Ihre Bücher immer wohlwollend rezensiert worden, gerade auch vom Mainstream. Im Sinne des Faschismusvorwurfs hätte Ihnen Ihr Heidegger-Buch auch als Rechtfertigung eines Nazi-Philosophen um die Ohren fliegen können. Wie sind Sie denn vor zehn Jahren mit dem Gegenwind umgegangen?
Mit sehr gemischten Gefühlen, denn ich war über Nacht zum »umstrittenen« Autor geworden. Allerdings habe ich nach 2016 noch drei zum Teil sehr hoch angesehene Preise bekommen.
Das waren 2017 der Ludwig-Börne-Preis und die E.T.A.-Hoffmann-Medaille und ein Jahr darauf der Deutsche Nationalpreis.
Ich meine, das gehört auch jetzt zur Wahrheit in diesem Lande. Ich bekomme, nachdem ich vom Mainstream gescholten werde, drei Preise. Da wurde schon ein Zeichen gesetzt, im Sinne von: Den Safranski lassen wir jetzt nicht fallen. Das war schon ganz deutlich.
Ich springe jetzt auf der Zeitachse wieder zurück, denn bereits 2003 haben Sie Ihr Buch Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? geschrieben. Das war vor 22 Jahren. Da haben Sie sich die Globalisierungsideologie vorgenommen und kritisiert.
Globalisierung ist ein Faktum. Aber dieses euphorische Globalisierungsgeschwätz, dieser Globalisierungsjubel, dieses »Wir treten ein in eine Phase, wo Nationen keine Rolle spielen«, dieser ganze ideologische Schmus, der damit verbunden ist, das alles war mir im Kern zuwider.
Und da haben Sie gegen den Stachel gelöckt.
Anthropologisch gesehen widerspricht die Globalisierungsideologie dem Menschen. Denn wir brauchen die Nähe, wir brauchen Tradition, wir brauchen ein vertrautes Umfeld. Und damit wir unser Talent für die Weite entwickeln können, brauchen wir eine stabile Nähe. Auch dieses Gerede, daß die Nationalstaaten aufhören müssen, das war mir unerträglich. Die Leute machen sich nicht klar, daß es keinen Sozialstaat gibt ohne Nationalstaat. Nationalstaaten sind Vereine, in die man einzahlt und bei denen man dann etwas wieder herausbekommt. Das müßte einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand sagen. Weil ich ein Mensch der Idylle bin, habe ich damals keine Haßrede gegen die Postnationalisten geführt, sondern habe mir auf recht gelassene Art die Sachlage angesehen mit dem Gefühl: die Gesinnungshysteriker werden ihr Wirklichkeitspensum auch noch lernen müssen. Und das ist ja, zum Teil wenigstens, geschehen. Die Lieferketten der Globalisierung sind auch ideologisch inzwischen gerissen.
Mein Globalisierungsbuch hatte nicht zuletzt auch noch mit Heidegger zu tun. Worum geht es? Im Dickicht der Globalisierung sich eine Heideggersche »Lichtung« schlagen, sich von der Sonne bescheinen lassen, den Ausblick genießen, durchatmen und mit ein paar Leuten, die einem nicht auf die Nerven gehen, so etwas Ähnliches wie ein gelungenes Leben zustande bringen. Sich und die anderen – sein lassen. Dazu braucht man aber auch eine Art von kulturellem Immunschutz. Beim Körperlichen wissen wir, daß wir Immunschutz brauchen, daß wir nicht alles reinlassen dürfen. Sonst kollabiert unser Körpersystem. Das gilt aber auch kulturell. Auch da muß man aussortieren, um das Ganze am Leben zu erhalten. Man muß ignorieren können. Darin war immer Goethe mein großes Vorbild, mit seinem unglaublichen Selbstbewußtsein konnte er sagen: Das kann ich für mein Leben nicht gebrauchen, das bleibt draußen. Und trotzdem oder gerade deshalb entsteht eine ungeheuer reiche, geräumige Welt. Ich verachte diese Hysteriker, die sich weltoffen geben und dabei nichts anderes sind als Durchlauferhitzer. Nein, wir sollen etwas sein, aber das müssen wir durch kluge Bewirtschaftung auch unserer eigenen Außengrenzen hinbekommen. Und dies durchaus auch im handfest politischen Sinne. Und darum habe ich im Anschluß an mein Globalisierungsbuch einige kürzere Beiträge über das »Lob der Grenze« geschrieben. Und deswegen lag meine Wortmeldung auch nahe, als dann 2015 diese katastrophale Öffnung der Grenze kam, die uns noch heute beschäftigt und das Zeug dazu hat, unser Gemeinwesen zu ruinieren. Jedenfalls wird das die Schicksalsfrage der nächsten zwanzig, dreißig Jahre für ganz Europa sein. Es lohnt sich, den Untergang des Römischen Reiches in der Folge der Germanenstürme nochmals zu studieren.
Die dogmatische Wende der 68er-Bewegung war im Kern intellektueller Selbsthaß.
Nach der Globalisierung publizierten Sie ab 2004 Bücher über Friedrich Schiller, die Romantik, Johann Wolfgang von Goethe und schließlich auch über Friedrich Hölderlin. War das ein Rückzug aus der rauhen gesellschaftspolitischen Sphäre in den heimeligen Elfenbeinturm?
Zunächst einmal: Gegen Elfenbeintürme ist nichts zu sagen. Montaigne hat den besten Teil seines Lebens darin verbracht. Doch im Ernst, die Bücher, die Sie nennen, sind für mich ein einziges Buch. Und zwar ein großes Buch über das goldene Zeitalter der deutschen Kultur. Einer Kultur, aus der sich ein Wärmestrom ergießt, von dem ich mich gerne tragen lasse, und zwar nicht nur um Distanz zur Gegenwart zu bekommen, sondern um Zuversicht und Kraft daraus zu schöpfen – auch für die Gegenwart. Meine emotionale Verfassung war selten so gut wie in dieser Zeit, in der ich die genannten Bücher geschrieben habe. Das Leben ist ja relativ kurz. Deswegen tun wir gut daran, uns geistig längere Zeit dort aufzuhalten, wo wir dem Gelungenen nahe sind und daraus Kraft und Zuversicht beziehen können. Man begreift dann auch besser, was einem eigentlich am Herzen liegt. Die Schiller-Biographie zum Beispiel ist ein Buch über die Freiheit, Freiheit in einem grandiosen, alle Lebensbereiche ergreifenden und verwandelnden Sinne, und die Goethe-Biographie ist ein Buch über die Lebenskunst, über die Gestaltungslust, deren Gegenstand das eigene Leben ist. Bei Goethe kann man lernen, wie man welthaltig werden und trotzdem zentriert bleiben kann.
Goethe, das ist naturgemäß viel mehr als nur die Faust-Tragödie. Dennoch, jetzt ist in unserem Gespräch der richtige Zeitpunkt für ein berühmtes Zitat aus der Gartenszene gekommen. Dort fragt die von Heinrich Faust entflammte, aber noch nicht entjungferte Margarete: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.« Was antworten Sie auf diese Gretchenfrage?
Obwohl ich von einer pietistischen Großmutter erzogen wurde und sogar einmal Theologie studieren wollte, bin ich ein kryptoreligiöser, also ein nur unterschwellig religiöser Mensch. Mir ist wichtig zu sehen: In welchen Denk- und Empfindungsweisen lebt das Religiöse auch dann weiter, wenn offizielle Religionen zusammenbrechen oder marginalisiert werden? Mich interessiert die Fortsetzung des Religiösen mit anderen Mitteln. Deswegen interessierte mich auch die Romantik. Denn die Romantik ist Kunstreligion und die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln. Wichtig ist für mich auch das Fortwirken des Transzendenzbezugs in der modernen Kultur.
So ähnlich antwortet Doktor Faust auch. Der sagt nämlich: »Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut; für meine Lieben ließ’ ich Leib und Blut, will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.« Darauf Margarete: »Das ist nicht recht, man muß dran glauben!« Faust entgegnet ihr: »Muß man?« So einer wie Faust hätte auch recht gut in Ihr Buch Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung gepaßt. Sie beginnen dort mit Michel de Montaigne und schreiten dann fort über Rousseau, Diderot, Kierkegaard, Stirner und Thoreau bis zur existentialistischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Und enden schließlich mit Ernst Jünger. Und stellen gegeneinander Jüngers Buch Der Arbeiter, 1932 erschienen, und Jüngers Buch Der Waldgang, 1951 publiziert. Sie zitieren aus Der Arbeiter den radikalen Jünger, der »sich mit entschlossenen Stoßtrupps der Herz- und Hirnpunkte der Regierungsstädte bemächtigen« wollte. Und den Anarchen-Jünger, der schreibt: »Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenzen, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.« Wieviel Rüdiger Safranski steckt in genau diesen zitierten Gegensätzen? Ich frage das deshalb, weil Sie von 1970 an der maoistischen KPD angehört haben, deren Parteizeitung hieß Die Rote Fahne. Das war Ihre Stoßtrupp-Phase. Und heute, so scheint mir, sind auch Sie zum Waldgänger geworden.
Ich setze mich an dieser Jünger-Stelle durchaus mit mir selber auseinander. Denn mir ist bewußt, in welcher Spannbreite ich mich in meinem Leben bewegt habe. So explizit, wie Sie das jetzt andeuten, war es unmittelbar beim Schreiben vielleicht nicht, aber ich nehme Ihre Frage gern produktiv auf. Ich komme aus einem bildungsnahen Elternhaus, mein Vater war Jurist, und die pietistische Großmutter habe ich schon erwähnt. Also das ist die eine Prägung. Und dann kam der Existentialismus, dann kamen Sartre und, nicht zu vergessen, die schwarzen Rollkragenpullover. Und das hieß, man war zwar mit Gruppen zusammen, aber man fühlte sich als einzelner. So, und dann erlebt man die 68er-Zeit. Dort aber gab es für mich zwei deutlich voneinander getrennte Phasen. Zunächst eine libertäre Phase des Aufbruchs, der Regelverletzung, man zog in Wohngemeinschaften, man hat neue Lebensformen probiert, man kaufte die Raubdrucke vor der Mensa, man entdeckte verschollene Kontinente der Theoriebildung, von Wilhelm Reich bis Norbert Elias. Das hatte alles noch etwas sehr Frisches, fern von allem Dogmatismus. Und dann ab Anfang der Siebziger das seltsame Phänomen der Selbstdogmatisierung dieser Szene. Das ist ein richtiger Bruch. Ein versteinerter Marxismus triumphiert. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre man vor lauter Angst vor der eigenen Courage, die man vorher hatte, in eine bürokratisch-dogmatische Selbstbewirtschaftung des Rebellischen, in eine Art von Selbstverbeamtung geflüchtet. Damals ist tatsächlich etwas ganz Seltsames geschehen. Ich habe immer so eine Art innerliches Doppelleben geführt und meine sonstigen Lektüren fortgesetzt. Ich habe ganz privat nur für mich gerne Proust und Schopenhauer gelesen und mit den Genossen diesen Marxismus in der verstümmelten stalinistischen Form studiert. Also kurzum, es gibt einen seltsamen Vorgang Anfang der siebziger Jahre, wo man hoffnungslos unter seinen Möglichkeiten blieb. Es war eine Art von intellektueller Selbstmarginalisierung, die da stattfand. Die dogmatische Wende der 68er-Bewegung war im Kern wohl intellektueller Selbsthaß. Und das hielt ich dann allerdings auch nur so drei, vier Jahre aus, und 1974 war dann für mich Schluß mit diesem Nachbeten der chinesischen Politik.
Warum haben Sie sich für den Maoismus entschieden und nicht für den Sozialismus à la SED/DDR in der Deutschen Kommunistischen Partei? Denn die gab es ja auch seit 1968.
Ende der sechziger Jahre lebten wir von den vollkommen falschen, verzerrten Informationen über die chinesische Kulturrevolution. Mao Tse-tung war auf einmal so attraktiv, weil die Kulturrevolution – bei uns jedenfalls, aber auch im liberalen Milieu – so rüberkam, als würde ein Parteiführer, der außerdem noch Gedichte schreibt, als würde der die Jugend mobilisieren, um einen verkrusteten, stalinistischen Apparat zu zerschlagen. Das heißt, die erste Rezeption von Mao Tse-tung war die des grandiosen Super-Antiautoritären. So sah man ihn, und das war für uns dann auch der revolutionäre Impuls. Später dann, als diese maoistischen Parteien aus dem Boden gewachsen waren, da war dieser anarchische Impuls dann wie weggeblasen. Und gottlob, muß ich sagen, haben wir nicht mehr Schaden angerichtet, es war nur ein einziger riesiger Mißerfolg. Aber ich weiß auch, daß Leute, die dabei waren, selber einen seelischen Schaden davongetragen haben. Ich konnte mich ganz gut davon befreien. Denn in meinem Freundeskreis, zu dem Helmut Lethen, Heinz Dieter Kittsteiner und Horst Domdey gehörten, gab es den glücklichen Umstand, daß wir die Zeitschrift Berliner Hefte gemacht haben. Und da konnten wir uns über das beugen und mit Staunen und mit Beklemmungen analysieren, was wir als Maoisten gemacht hatten.
Sie durften wieder frei denken.
Ja, und vor allem konnte man über die Tollheiten nachdenken, die man eben gerade beendet hatte. Das war immer noch links, aber man konnte wieder frei denken. Das war ein Glücksfall, daß sich das so lebensgeschichtlich für mich gefügt hat. Ich habe dann begonnen, mich in E. T. A. Hoffmann zu vertiefen, in diese geniale Doppelexistenz als wilder Romantiker und vernünftig- liberaler Jurist. Einige Jahre später, 1984, habe ich über ihn mein erstes richtiges Buch veröffentlicht. Und insofern ist auch mein Start als Schriftsteller mit der Abarbeitung der Tollheiten, die davor geschehen waren, verbunden.
Sie sind trotz dieser Jahre als Kommunist, Maoist ein wohlgelittener, hochgeschätzter Bürger dieses Landes geworden, den man mit bedeutenden Literaturpreisen und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt hat. Wenn Sie 1970 als Fünfundzwanzigjähriger in der Jugendorganisation der NPD gelandet wären, wenn Sie also kein linker Extremist, sondern ein rechter Extremist geworden wären, dann wäre es mit Ihrer Karriere vorbei gewesen. Der Maoist der Siebziger ist in den Augen unserer Gesellschaft eine Jugendsünde. Man kann als Ex-Maoist Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber die NPD, die verzeiht unsere Gesellschaft niemals. Sie haben also Glück gehabt, oder?
Ja, da könnten Sie recht haben. Und wenn wir schon bei diesem Thema angekommen sind, dann noch dies dazu: Als ich mich von der maoistischen KPD verabschiedet habe, da habe ich ganz spontan einen Beitrag gehalten und habe gesagt: Leute, seien wir ehrlich, so wie wir unterwegs waren, mit diesem Feuer, aber auch mit diesem Fanatismus und mit diesem Herdenverhalten wären wir früher bei der Hitlerjugend gelandet. Da waren natürlich alle ganz empört. Aber ich denke, es stimmt.
Und was heißt das für Sie hier und heute? Alle reden von »Haß und Hetze«. Das freie Wort, die Meinungsfreiheit ist in Gefahr. Welche politische Kultur brauchen wir jetzt am allernötigsten?
Wir bräuchten in erster Linie eine politische Kultur, die die Nation nicht als etwas Schreckliches, sondern als etwas elementar Wichtiges ansieht, das man behüten und bewahren muß. Weil Nation das passende Format für Demokratie ist, denn eine Weltdemokratie wird es wohl nie geben. Und die Nationen müßten sich wechselseitig helfen, die jeweilige demokratische Lebensform zu bewahren, aber ohne daraus eine Mission zu machen. Weltrettungsprojekte jedenfalls, in welcher Form auch immer, sollte man sich abgewöhnen. ◆
Herr Professor Safranski, ich danke Ihnen für das Gespräch!

INGO LANGNER,
geb. 1951 in Rendsburg, lebt in Berlin. Autor, Literaturkritiker und Publizist sowie lange Zeit Fernsehproduzent und Theaterregisseur; heute Chefredakteur von Cato. In Heft 1/2024 erschien sein Beitrag »Kunst oder Künstler«. »Zu einer Kultur, in der die Lüge unter der Maske der Wahrheit und der Information auftritt, zu einer Kultur, die nur das materielle Wohlergehen sucht und Gott leugnet, sagen wir nein«