Die Wiederkehr der civitas und die gründende Gestalt Europas – Marco Rubio, J. D. Vance und die katholische Stunde des Westens
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In der neutestamentlichen Offenbarung darf Johannes das himmlische Jerusalem schauen und ins Bild gebracht hat es hier Gustave Doré.
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen ein politisches Wort über die Grenzen des Zeitgenössischen hinausweist und zu einer Selbstvergewisserung der Zivilisation selbst wird. Die Rede des amerikanischen Außenministers Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2026 gehört zu dieser seltenen Art von Sprache. Sie war nicht allein außenpolitische Rhetorik, nicht ein Merkmal aktuell angesagter Sicherheitspolitik, sondern ein Akt des kollektiven Gedächtnisses. In ihr wurde etwas ausgesprochen, das jenseits pragmatischer Erwägungen liegt: die Erinnerung an eine geteilte geistige Herkunft, eine Erinnerung an die Bedingungen, aus denen die freiheitliche Ordnung Europas und Amerikas erwachsen ist.
Rubio begann seine Rede nicht mit strategischen Leitlinien, sondern mit einem Wort, das den Grundton seiner gesamten Argumentation angibt: Die Vereinigten Staaten sind kein Fremder in Europa. Wir sind ein Kind Europas. Diese Haltung ist keine bloße historische Feststellung. Sie ist eine gewissermaßen »ontologische« Setzung, die Amerika nicht als autarkes politisches Subjekt, sondern als historische Frucht einer geistigen Mutterschaft begreift. Natürlich ist eine historische Herkunft eine kontingente Tatsache und keine Notwendigkeit. Aber die transatlantische Allianz ist nicht allein ein Bündnis von Interessen, sondern eine Gemeinschaft im Ursprung, als geistige Form von Kultur und Ordnung. Amerika erscheint als Echo dieser Form und nicht als isoliertes Projekt. Rubio führte diesen Gedanken weiter aus: »Unsere Partnerschaft ist nicht nur militärisch oder wirtschaftlich. Wir sind geistig verbunden, wir sind kulturell verbunden. Armeen kämpfen nicht für etwas Abstraktes. Armeen kämpfen für ein Volk. Armeen kämpfen für eine Nation. Armeen kämpfen für eine Lebensweise.« Diese Formulierung enthebt die transatlantische Verbindung einer engen Bindung an rein instrumentelle Kategorien von Macht oder Interesse. Zivilisation: dieses Wort ist hier kein Platzhalter, sondern ein Begriff, der eine geteilte gleichsam metaphysische Basis bezeichnet: ein gemeinsames Verständnis dessen, was den Menschen ausmacht, was seine Würde ist und was seine Bestimmung. Der US-Außenminister betonte, daß Amerika und Europa »durch eine gemeinsame Geschichte […], durch eine gemeinsame Kultur und durch einen gemeinsamen Glauben« verbunden seien. In diesen Worten spricht ein Verständnis von politischer Identität, das nicht aus einem reinen Formalismus politischer Ordnung entsteht, sondern aus einer tieferen anthropologischen Einsicht. Und wenn er ausführt: »Wir wollen Verbündete, die stolz sind auf ihre Kultur und ihr Erbe, die verstehen, daß wir Erben derselben großen und edlen Zivilisation sind – und die gemeinsam mit uns willens und fähig sind, sie zu verteidigen«, dann zeigt sich, daß er nicht von zweckgebundenen Bündnissen pragmatischer Art spricht, sondern von einer Verpflichtung, die über das Endliche hinausweist, von einer Verantwortung, die aus der lebendigen Erinnerung an eine überkommene Wahrheit hervorgeht.
Um die volle Tragweite dieser Rede zu erfassen, ist es unumgänglich, sie in Relation zu einer der einflußreichsten politischen Theorien der abendländischen Tradition zu setzen: der Civitas-Lehre des Augustinus von Hippo. In seinem Werk De civitate Dei unterscheidet Augustinus zwei Grundformen von Gemeinschaft: die civitas terrena, die irdische Stadt, und die civitas Dei, die Stadt Gottes. Die civitas terrena ist die Ordnung der Selbstliebe (amor sui). Sie ist eine Art der gesellschaftlichen Organisation, die aus dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit, Ordnung und Selbsterhaltung entsteht. Sie ist notwendig, denn ohne Ordnung zerfällt die gesellschaftliche Existenz in Gewalt und Anomie. Doch sie ist unzureichend, denn sie kann keine letzte Sinngebung liefern. Die civitas terrena ist funktional, aber sie ist nicht hinreichend, um das menschliche Leben in seiner Tiefe auszuleuchten. Die civitas Dei hingegen ist die Gemeinschaft derer, die ihre Existenz auf Gottesliebe (amor Dei) gründen: eine Liebe, die nicht durch Eigeninteresse definiert wird, sondern durch Hingabe an das Gute, an Wahrheit und an das Wesen des Menschen, wie es in seiner tiefsten Bestimmtheit verstanden wird. Die civitas Dei ist keine bloß religiöse Gemeinschaft im engeren Sinn. Sie ist die bedingende Grundform dessen, was politische Gemeinschaft wirklich dauerhaft trägt. Augustinus zeigt, daß politische Ordnung ohne diese transzendente Dimension zwar möglich ist, aber innerlich instabil bleibt. Sie kann äußere Sicherheit erzeugen, aber keine sinnstiftende Orientierung. Sie kann Machtverhältnisse regeln, aber nicht den inneren Bezug des Menschen zu Wahrheit und Gerechtigkeit herstellen. In dieser Unterscheidung liegt das tiefe Verständnis, daß politische Ordnung niemals autonom ist. Sie ist immer auf eine Ordnung des Guten verwiesen, auf eine Wahrheit, die nicht durch politische Instrumente erzwungen werden kann. Politische Macht ist ohne diese geistige Tiefe eine leere Hülle, die sich nur durch tautologische Selbstreferenz stabilisiert. Rubios Rede berührt diese Unterscheidung auf eine Weise, die weit über bloßes Sprechen hinausgeht. Indem er die transatlantische Beziehung als Ausdruck einer gemeinsamen zivilisatorischen Identität deutet, verweist er auf eine politische Gemeinschaft, die nicht technisch geschaffen wird, sondern aus einer gemeinsamen Substanz hervorgeht. Sie ist politisch im eigentlichen Sinn, wenn sie Ausdruck einer gemeinsamen zivilisatorischen Wirklichkeit ist, einer gemeinsamen Ethik, einer gemeinsamen Auffassung von Vernunft, Recht und menschlicher Würde. Jede politische Ordnung bleibt brüchig, wenn sie diese tiefere Schicht nicht anerkennt.
Deutet man die Rede Rubios im katholischen Horizont Augustins, so kann man sie noch besser verstehen, wenn man sie in Relation zur Diagnose eines tiefgründigen Denkers des abendländischen Denkens setzt: Joseph Ratzinger. Ratzinger beschrieb mit außergewöhnlicher philosophischer Schärfe und theologischer Tiefe die Ausbildung Europas, eine geistige Form, entstanden aus der Synthese von Glauben, Vernunft und Recht. Für Ratzinger war Europa niemals bloß eine politische Konstruktion. Es ist eine seinsmäßige Realität, die in einem ständigen Prozeß des Erringens auf drei Säulen ruht: Jerusalem, Athen und Rom. Jerusalem steht dabei für den Glauben an den personalen Gott, der die Welt als Logos geschaffen hat. Athen verweist auf die philosophische Vernunft, die Fähigkeit des Menschen, Wahrheit zu suchen und zu erkennen. Schließlich steht Rom als romanitas für die rechtliche Gestalt und Klarheit in Kontinuität, die politische Gemeinschaft als Einheit von Universalität und konkreter geschichtlicher Verortung in feste Bahnen lenkt. Diese drei Säulen bilden als das eine Christentum das geistesgeschichtliche Gewebe Europas. Europa ist daher nicht einfach ein Kontinent, sondern eine Synthese von Glaube, Vernunft und Recht. Eine Einheit, die im Denken Ratzingers als Entscheidung des menschlichen Geistes begreifbar wird, der sich selbst im Licht der Wahrheit erkennt. Ratzinger hat wiederholt darauf hingewiesen, daß die in vielen Kontexten diagnostizierte gegenwärtige Krise Europas nicht primär politisch oder ökonomisch ist, sondern eine Krise des Gedächtnisses. Europa verliere die Kenntnis seiner eigenen Quellen, und damit verliere es die Fähigkeit zur Selbstbegründung. Eine Zivilisation, die ihr Gedächtnis verliert, vergißt ihren Maßstab für Wahrheit. Sie degeneriert zu einer technisch verwalteten Ordnung und geht ihres inneren Bezugspunkts verlustig, der sie als Zivilisation kennzeichnet. Vor diesem Hintergrund wird die Tragweite von Rubios Betonung des gemeinsamen Erbes besonders deutlich: »Wir teilen nicht nur Interessen. Wir teilen ein Erbe.« Dieses Erbe ist kein abstraktes kulturelles Phänomen, sondern eine das Relative gründende Realität, die die Weltdeutung der westlichen Zivilisation bestimmt. Und wenn Rubio sagt: »Dieses Erbe verpflichtet uns«, dann ist dies nicht nur eine moralische Formel, sondern eine konkrete Aussage über die Bedingung politischen Lebens: Politik, die sich ihrer eigenen Rückbindung nicht bewußt ist, verliert ihre innere Richtung.
Die historische Bedeutung der Rede des amerikanischen Außenministers wird besonders deutlich, wenn man die Konstellation der politischen Führung in den Vereinigten Staaten berücksichtigt. Mit Rubio und dem Vizepräsidenten J. D. Vance stehen zwei Katholiken, die ihren Glauben ernst nehmen, im Zentrum der amerikanischen Macht. Es zeigt sich dies als eine Konstellation, die in ihrer symbolischen und realen Tragweite bemerkenswert ist. Der Katholizismus in seiner authentischen Gegebenheit – nicht als bloße kulturelle Erscheinung oder Zivilreligion, sondern als auf das Transzendente ausgerichtetes Leben aus der Offenbarung Gottes als Ereignis des Logos – ist keine Privatsache mehr, sondern wird integraler Bestandteil des politischen Denkens, ohne die Substanz des Glaubens preiszugeben oder zum bloßen Dekor der Macht zu werden. Dies ist um so bemerkenswerter, wenn man an die Zeit des 35. Präsidenten der Vereinigen Staaten von Amerika, John F. Kennedy, denkt. Der erste katholische Präsident war ein Exotikum und politisch gezwungen, seine Verwurzelung in der katholischen Kirche zu relativieren, um überhaupt Akzeptanz zu finden. Der Katholizismus erschien damals als potentielles Hindernis im öffentlichen Leben. Heute hingegen wird er von führenden politischen Akteuren nicht nur offen gelebt, sondern als Begründung für ein politisches Selbstverständnis gesetzt, das erkennt, daß politische Ordnung mehr verlangt als rein institutionelle und technokratische Kompetenz. Marco Rubio macht diesen Punkt in seiner Rede deutlich, wenn er sagt, daß die Stärke der transatlantischen Gemeinschaft »nicht nur in unserer Macht, sondern in dem, was wir gemeinsam glauben« liege. Glaube erscheint hier nicht als privater Bekenntnisakt, sondern als auch politisch wirksame Substanz. Diese Substanz ist in der tieferen Wirklichkeit das, was Augustinus als die civitas Dei beschreibt: eine gemeinschaftliche Orientierung an der Wahrheit, die dem politischen Tun vorausliegt und es gestaltet.
Augustins Lehre zeigt uns: Die civitas terrena kann zwar funktionieren, sie kann Ordnung schaffen, sie kann aber nicht die innere Würde, die Weisheit und die tiefere Orientierung eines politisch freien Menschen begründen. Ohne die civitas Dei wird politische Freiheit zur bloßen Technik des Machterhalts. Wenn Rubio betont, daß diese Verbindung nicht zufällig sei, sondern aus unserer gemeinsamen zivilisatorischen Identität hervorgegangen sei, dann spricht er eine Wahrheit aus, die das klassische politische Denken der Moderne weit hinter sich läßt.
Joseph Ratzinger hat einmal gesagt, daß die Zukunft Europas nicht aus einem blinden Fortschrittsglauben erwächst, sondern aus dem Gedächtnis der eigenen Quellen. Er hat darauf hingewiesen, daß Freiheit ohne Wahrheit unhaltbar ist. Rubios Rede markiert in diesem Sinne einen Wendepunkt. Sie ist nicht nur eine Rede über Sicherheitspolitik. Sie ist eine Rede über die Voraussetzungen der Freiheit selbst. Sie stellt die Frage nach der Verantwortung gegenüber dem, was wir empfangen haben, eine Verantwortung, die nicht formal-politisch ist.
Europa und Amerika können nicht als rivalisierende Hemisphären bestehen, sondern nur als Ausdruck einer gemeinsamen Existenz. In dieser Perspektive wird jeder politische Entwurf zu einem Ruf zur Wiedererinnerung im platonischen Sinn der ἀνάμνησις und zur Verantwortung. Die Zukunft Europas, so läßt sich aus Rubios Worten und aus der Diagnose Ratzingers ableiten, liegt nicht in der Verleugnung der eigenen Herkunft, sondern in ihrer beherzten Wiederaneignung. Und diese Wiederaneignung ist keineswegs ein Rückfall in vergangene Ideologien, sondern die Erkenntnis, daß politische Existenz ohne geistige Substanz nicht dauerhaft tragfähig ist. Rubios Rede ist daher mehr als Politische Theorie. Sie ist Bewußtsein von einer Lebensform, einer Zivilisation, die nicht in der Flüchtigkeit des Jetzt bestehen kann, sondern in der Tiefe des gedachten Ursprungs. ◆
ARMIN SCHWIBACH,
geb. 1964 in Pfarrkirchen, promovierte an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Philosophie über den Deutschen Idealismus. Dozent für Systematische Philosophie, Christliche Philosophie und Philosophiegeschichte an päpstlichen Universitäten und Hochschulen
in Rom sowie Gastdozent in verschiedenen europäischen Ländern.
Tätig als Autor, Publizist, Rom-Korrespondent.