Verlorene Identität

Über Daniel Cohn-Bendit

Von Artur Abramovych

Daniel Cohn-Bendit, genannt Dany, ist eine schillernde Gestalt. Nach seiner Führerschaft bei der 68er-Revolution an der Sorbonne und der Ausweisung aus Frankreich betätigte er sich im Frankfurter Häuserkampf und war Mitbegründer der Grünen, für die er von 1994 bis 2014 im Europäischen Parlament saß, zeitweise als Fraktionsvorsitzender der Europäischen Grünen. Inzwischen ist der ehemalige Hausbesetzer wie die meisten Steinewerfer, die an seiner Seite rebellierten, zu Wohlstand gelangt und präsentiert sich gern im Ralph-Lauren-Hemd. Sein Ton ist versöhnlicher geworden, wenn sich auch an seinen Positionen (mit der Ausnahme einiger Einlassungen zur Sexualität von Kindern, die er inzwischen bereut) wenig geändert haben mag; diese Versöhnlichkeit gründet vielmehr darin, daß seine Positionen zumindest in Westeuropa längst mehrheitsfähig sind.

Im folgenden soll es allerdings nicht um den Politiker, sondern um den Juden Cohn-Bendit gehen, denn sein im Juni in Frankreich ausgestrahlter autobiographischer Dokumentarfilm Nous sommes tous juifs allemands (Wir alle sind deutsche Juden) rückt die Frage nach seiner jüdischen Identität in den Vordergrund. Der Titel des Films bezieht sich auf das, was die studentischen Massen in den Straßen von Paris skandierten, als Cohn-Bendit im Mai 1968 von höchster Stelle die Wiedereinreise nach Frankreich verweigert worden war. Er ruft seine Glanzzeit in Erinnerung, als, wie die Franzosen sagen, die ganze Welt ihn, den jungen Rebellen, kannte. Im Film begegnet uns hingegen ein gesetzter 75jähriger Mann, der sich scheinbar unvoreingenommen anhört, was ihm seine Gesprächspartner mitteilen.

Der Film beginnt in Moissac bei Montauban, wo Cohn-Bendits deutsche Eltern mit dem älteren Bruder Gabriel während des Krieges bei einer französischen Familie Unterschlupf fanden. Mit »Gaby«, einem nach wie vor überzeugten Kommunisten, sitzt Dany auf einer Bank und diskutiert über das Judentum. Im Vergleich zu seinem Bruder, aus dessen Sicht die Zugehörigkeit zum Judentum der Parteinahme für eine Ideologie entspricht, die man sich nicht aussuchen konnte und die man nicht teilt (und der deswegen nicht als Jude betrachtet werden will), erscheint Dany geradezu pietätvoll. Das ist auch beabsichtigt – zur Vorbereitung der nachfolgenden Szenen, die beinahe ausschließlich in Israel spielen und jenes Narrativ von den zu Verfolgern mutierten Verfolgten strapazieren, das aus westeuropäischen Medien hinreichend bekannt ist. Cohn-Bendit besucht eine Schule für nichtjüdische Ausländer, wo sich weinende Kinder über mangelnde Anerkennung und böse Blicke beklagen; er trifft eine der raren Rabbinerinnen, die es in Israel gibt, um sich von ihr erklären zu lassen, wie unmenschlich israelische Sicherheitsmaßnahmen gegen arabischen Terror seien; und er trifft einen Araber in Ostjerusalem, der sich über die israelische Wohnbaupolitik beklagt, ohne zu erwähnen, daß es Arabern unter Androhung der Todesstrafe verboten ist, Immobilien an Juden zu verkaufen.

Es kommen nur wenige Vertreter des repräsentativen Israel zu Wort. Über eine orthodoxe Journalistin etwa, die Cohn-Bendit vorwirft, angesichts seiner Heirat mit einer Nichtjüdin egoistisch gehandelt zu haben, macht er sich lustig. Und dem herzzerreißenden Bericht einer französischen, nach Israel ausgewanderten jüdischen Lehrerin, die an ihrer Schule von muslimischen Kindern beleidigt wurde und miterleben mußte, wie ihre Schüler sich weigerten, an der Schweigeminute für die beim Attentat von Toulouse 2012 ermordeten Juden teilzunehmen, räumt Cohn-Bendit eine einzige Minute ein, zwischen zwei Szenen, in denen er die israelische Haltung zu den Arabern anprangert.

Cohn-Bendit ist sich immerhin bewußt, kein guter Jude zu sein. Er bedauert, daß er erst spät begann, sich als Jude zu identifizieren, und daß er es lange mit Jean-Paul Sartre hielt. Allerdings wird nicht ganz ersichtlich, welche Schlüsse Cohn-Bendit aus dieser persönlichen Entwicklung zieht. Sartre hatte in seinen Überlegungen zur Judenfrage (1945) behauptet, daß sich der Antisemit, wenn es keinen Juden gäbe, einen solchen erfinden würde und daß derjenige ein Jude sei, der als Jude betrachtet werde. Dieses einflußreiche Dogma prägte ganze Generationen von »Philosemiten« nachhaltig und fand nicht zuletzt in Max Frischs Theaterstück Andorra (1961) seinen bekannten literarischen Niederschlag. Das Stück handelt von Andri, einem jungen Mann, der in einem von Faschisten besetzten Andorra für einen Juden gehalten wird und dem die gemeinhin als jüdisch geltenden Merkmale angedichtet werden. Allein durch den sozialen Druck nimmt Andri diese Merkmale schließlich an, obwohl er, wie sich nach seiner Ermordung herausstellt, gar kein Jude war. Die Moral von der Littérature engagée: Es kann jeden treffen, und daher sollst du dich engagieren gegen jede Art der Diskriminierung, gegen jede Art der Zuschreibung kollektiver Eigenschaften, denn Menschen in Gruppen einzuteilen ist grausam und kann tödlich sein. Diese Sichtweise Sartres und seiner Epigonen kommt einer Leugnung genuin jüdischer Merkmale und damit der Negierung einer dreitausendjährigen Nationalgeschichte gleich. Es nimmt daher nicht wunder, daß der »Philosemitismus« sowohl Sartres als auch seines Adlaten Frisch nicht allzu weit reichte. Es war derselbe Sartre, der nur wenige Jahre nach der Publikation seiner Réflexions zu den antisemitischen Ärzteprozessen Stalins schwieg und der 1972 im Interview mit John Gerassi kundtat, daß das Münchner Olympia-Attentat »gerechtfertigt« gewesen (»se justifiait«) sei, »weil sämtliche israelischen Athleten bei den Olympischen Spielen Soldaten waren«. Nach dieser Logik kann man beinahe jeden Israeli »gerechtfertigt« ermorden, denn in Israel herrscht allgemeine Wehrpflicht, auch für Frauen. Max -Frisch wiederum avancierte von einem Bewunderer Israels, das er als den Unterlegenen par excellence betrachtet hatte, zu einem glühenden Antizionisten. Diese Entwicklung geht allerdings erst aus seinen 2010 erschienenen Entwürfen zu einem dritten Tagebuch deutlich hervor und ist bislang weitgehend unbekannt.

Schon Hannah Arendt wies im Vorwort zum Antisemitismus-Kapitel ihres Buches Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951, dt. 1955) auf die fatale Entwicklung der Antisemitismusforschung hin, der Sartre mit seinen Réflexions als Geburtshelfer gedient hatte. Und 1980 schließlich erschien das Buch, das -Sartre endgültig überführte: Le juif imaginaire (Der eingebildete Jude, 1982), geschrieben von dem inzwischen in die Académie française aufgenommenen Alain Finkielkraut (siehe Cato 1/2018) unter dem Eindruck arabischer Attentate auf jüdische Einrichtungen, der antizionistischen Wende innerhalb der politischen Linken sowie der sukzessiven »Apollonisierung« (Yuri Slezkine) des Judentums. Michael Klonovsky brachte Finkielkrauts Einsicht auf die bündige Formulierung: »Ahasver ist seßhaft geworden.« Im Kapitel »Nous sommes tous juifs allemands« stellte Finkielkraut in bezug auf den Slogan der Proteste gegen Cohn-Bendits Einreiseverweigerung fest: »Die Rolle des Gerechten wurde jedem zugänglich, der sie begehrte. […] Ich möchte anderes im Judentum sehen als eine pathetische, demonstrative und leere Affirmation.«

Die Fragen, die sich Cohn-Bendit in seinem Film stellt, beantwortete Finkielkraut schon vor vierzig Jahren, und seine Antworten waren weitaus durchdachter. Fände im Film neben -Sartre auch Finkielkraut Erwähnung, könnte Cohn-Bendit sich diese ganze ergebnislose Suche nach seiner verlorenen Identität sparen, denn -Finkielkraut hat das Problem Cohn-Bendits exakt beschrieben. Er ist der Inbegriff des juif imaginaire. Er hat eine Mischehe geschlossen, geht praktisch nie in die Synagoge und spricht kein Wort Hebräisch (letzteres, obwohl er als Schüler mehrere Wochen im Kibbuz HaSorea verlebte). Er interpretiert sein Judentum universalistisch als Verpflichtung zu politischer Intervention zugunsten der Geknechteten und kann sich deshalb auch kaum mit dem einzigen jüdischen Staat identifizieren.

Wenn Cohn-Bendit im Hinblick auf Israel seufzend feststellt, daß David zu Goliath geworden sei, desavouiert er sich damit insofern, als er impliziert, der Schwächere sei immer im Recht. Und wenn er, wie vor wenigen Wochen, in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau den äußerst halbherzigen Beschluß des Bundestages vom April 2019 gegen BDS kritisiert, stellt er sich damit nicht nur auf die Seite der »Fundis« seiner eigenen Partei (in den Reihen der Grünen hatten jenem lauen Beschluß immerhin zwei Drittel der Abgeordneten zugestimmt), sondern zugleich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft völlig ins Abseits. Verwundern dürfte das jedoch nicht, gefiel er sich doch schon früh in der Rolle des Nestbeschmutzers. 1985, bei der Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück Der Müll, die Stadt und der Tod (nach einem Roman von Gerhard Zwerenz, worin dieser einen an Ignatz Bubis, den nachmaligen Zentralratspräsidenten erinnernden, raffgierigen jüdischen Spekulanten dargestellt hatte, der letztlich zum Mörder wird), protestierten Mitglieder der jüdischen Gemeinde sowohl vor den Kammerspielen als auch auf der Bühne, darunter Bubis persönlich. Manch ein Jude hatte sich dafür entschieden, dem Protest fernzubleiben, etwa Maxim Biller, der den Abend, wie er freimütig bekennt, im Bordell verbrachte. -Dany war vermutlich der einzige Jude, der sich dem Protest nicht nur nicht anschloß, sondern ihn sogar aus dem Publikum heraus verurteilte und die Fortsetzung der Aufführung forderte.

Am Ende von Cohn-Bendits Film finden wir uns im trauten Familienkreise in Frankfurt wieder. Sohn Bela ist mit einer aparten, kultivierten Eritreerin verheiratet, die in gesegneten Umständen ist. Auch ihre Eltern sind da, man ißt gemeinsam zu Abend, schließlich ist dieser schöne multikulturalistische Traum viel menschlicher als jener böse Traum namens Israel. Davon, daß der Frankfurter Rabbiner Zalman Gurewitch bei einem migrantischen Messerangriff schon einmal beinahe umgebracht worden wäre, ist natürlich nicht die Rede. Das würde die Idylle zerstören.

Die bislang einzigen deutschen Besprechungen des Films sind beide in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen; eine davon unter dem Titel »Israelkritik in Israel«: der Film diente hier als dankbarer Anlaß, die eigene Aversion gegen den jüdischen Staat auszuleben. Am 6. September 2020 wurde der Film mit deutschen Untertiteln von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt aufgeführt, also ausgerechnet jener Gemeinde, die Dany seinerzeit diskreditierte. Und noch diesen Herbst soll der Film im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Die Freudensprünge von Antizionisten jedweder Couleur können wir uns schon jetzt lebhaft ausmalen. ◆

Dieser Teil des Essays von Artur Abramovych ist auch in französischer Übersetzung von George Broder im Monatsmagazin causeur 10/2020 erschienen. Den vollständigen Essay »Die Leugnung der Andersartigkeit« lesen Sie im neuen Cato Heft 6/2020.

Artur Abramovych

geb. 1996, Student der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Bamberg und Paris; stellv. Vorsitzender der Bundesvereinigung Juden in der AfD. In Cato 4/2020 schrieb er über Hans-Joachim Schoeps (»Auf Hiobs Posten«)