Wider die geistlose Leere

von Heinz-Joachim Fischer

Das Thema römische Mosaiken liegt uns heute fern. Der in den Kirchen Roms dargestellte Kosmos von Heiligen ist unserem modernen Kultur- und Medienbetrieb, den Sensations- und Werbungsbildern ganz fremd. Die kleinen bunten Mosaiksteinchen ergeben auf wunderbare Weise ein ganzes Weltbild, das völlig anders ist als unser gewohntes. Die Weit-Entrückten, Hoch-Erhabenen, Über-Irdischen schauen uns an. Und wir haben keine Antwort.

So ging es zunächst auch mir. Damals, 1963, als ich das erste Mal nach Rom kam, zum Studium von Philosophie und Theologie, als Alumnus im Germanicum-Kolleg und an der Gregoriana- Universität. Was wußte ich als Berliner von Mosaiken und Kosmaten? Nichts. Doch dann wurde ich an die Hand genommen. Und wir, die Neuen, wurden von den »Ductores« – mit u –, den etwas älteren Mitstudenten, zu den Kirchen geführt und in die Zauberwelt der Mosaiken eingeweiht. Dem konnte ich mich zusammen mit den Studienfreunden nicht versagen.

 

Eine überirdische Welt von Gold und Blau, die uns aus der Ewigkeit anschaut

 

In San Paolo an der Via Ostiense oder in San Pietro im Vatikan, in Santa Costanza und Sant’Agnese an der Via Nomentana, in den Apsiden, im inneren Halbrund und auf den Triumphbögen, an den Kirchenwänden und den gewölbten Decken wird dargestellt, worauf es im Reiche Gottes ankommt. »Begreifen« kann man das im doppelten Sinn nicht. Aber lange betrachten, konzentriert anschauen. Dazu braucht es Ruhe und Zeit. Ein Fernglas ist nützlich, zur Not macht es auch der Zoom einer Kamera. Ohne Störung, sonst wird das nichts mit dem Einblick in die überirdische Welt von Gold und Blau, weißen wallenden Gewändern, wertvollen Gaben und ernsten Gesichtern, die uns seit Jahrhunderten (entstanden zwischen dem 3. und 14.) anschauen. Seit einer Ewigkeit also, besser: aus der Ewigkeit.
Dafür mußten die Mosaiken selbst der Vergänglichkeit standhalten. Das zwang zu einem handwerklich aufwendigen Prozeß nur für sehr Geschickte. Meist trug man auf das Gemäuer zuerst groben Mörtel auf. Darauf kamen von Tag zu Tag, je nach dem Fortschreiten der Arbeit, ein oder zwei weitere feine Schichten. Auf diese trug der Meister die Vorzeichnung auf. Danach konnten die Tesserae eingesetzt werden, grob geschnittene Würfelchen, die kleinsten mit etwa drei Millimetern Kantenlänge, weder alle gleich groß noch gleich geformt, aus Naturstein, farbigem Marmor oder undurchsichtigem Glas.
Die Rundung des Mauerwerks zwang zu kleinem Werkstoff; große Platten zur Verkleidung hätte man nicht anbringen können. Zu den Farben der Darstellung – Weiß, Schwarz, Grün, Gelb, Blau, Rot und Purpur – und denen des Hintergrundes – Weiß, Braungelb, Grau und Schwarzbraun – kam als dominierendes Element das Gold, Zeichen einer anderen, über dem irdischen Dasein sich erhebenden Welt. Wölbung und Rundung (unten) der Apsis verlangten beides, hohes handwerkliches Können und künstlerische Intuition. Denn das Konkave stellte auch vor erhebliche perspektivische Probleme, damit sich das Heilige dem schauenden Gläubigen nicht verzerrt darbot. Es sollte ja alles überwirklich schön sein. Die römischen Mosaiken sind die um Jahrhunderte vorweggenommenen Kirchenfenster der Gotik, und zwar an romanischen, hier sogar römischen Mauern.
Denn das theologische Programm gab es mit Jesus, Maria, den Aposteln und Heiligen, den Bischöfen und Jungfrauen, den tausend Symbolen und Zeichen, dem Lamm und den Tauben, dem Hirsch am Wasser, der mediterranen Fauna und Flora, den himmlischen Wolken und feierlichen Gewändern schon seit dem frühen Christentum. Seitdem war es fertig, aber bereit zur Erweiterung. Nur die Baumeister waren noch nicht soweit. Sie brauchten noch die festen Mauern der römischen Basilika, sorgfältig aus Ziegelsteinen gefügt. Eher langweilig anzusehen und wenig geeignet, den Horror vacui, die Angst vor der Leere zu beruhigen. Immer mehr wollten die Künstler bloße Mauern vermeiden. Sie wußten, wie sehr das weithin unkundige, unverbildete Volk nach Bildern einer besseren Welt ohne Leid und Häßlichkeit verlangte.

 

Ein Lamm ist nicht nur ein Lamm; es symbolisiert Jesus Christus

Und wir Studenten nahmen es auf. Warum gelang es uns damals? Kurz gesagt: Wir waren noch nicht anthropologisch kastriert. Wir waren natürlich begeistert vom Fortschritt der Technik seit dem 18. Jahrhundert, doch unbeeindruckt von der geistespolitischen Aufklärungsideologie gegen das Christliche. Wir hatten noch nicht alle »Sudelbücher« – ein mehrsinnig-ironischer, trefflicher Ausdruck von Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), dem grandiosen Physiker und ersten Großmeister der kritischen Demontage des überall Mißfallenden – also nicht alle »Sudelbücher« gegen Religion, Christentum und Kirche gelesen. Wir hielten außerdem Gertrude Steins (1874–1946) berühmten Satz »Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose« für ganz witzig, aber doch eher für eine flache Pointe. Was alle, die mal eine Rose geschenkt oder erhalten haben, nachfühlen können. Eben eine Halbwahrheit, die eine Hälfte unterschlägt und damit die Kulturleistung von Jahrtausenden auflöst.
Womit wir beim Beiwerk der Mosaiken sind, den Symbolen. Bei mir ging es etwas langsamer. Denn bald gab ich zur notwendigen Finanzierung des Studiums selbst den Ductor, den Fremdenführer für Touristen und Pilger. Ich stellte fest, daß die Zuhörer, ob katholisch oder evangelisch, gläubig oder nicht, gern und aufmerksam meinen Erklärungen folgten. Also:
In der jahrtausendealten jüdisch-christlichen Kultur ist ein Lamm nicht nur ein Lamm, sondern Sinnbild Jesu Christi und seines Opfertodes. Die Zwölferzahl ist das Symbol der zwölf Stämme Israels, der Apostelschar, des Volkes Gottes, das seinem Hirten nachfolgt, die heilige Zahl der für alle Ewigkeit Erretteten, wie die Zahl 12 in der Bibel – und überall – immer wieder erscheint. Ein Baum steht für die Fülle des geschaffenen Lebens, mehr noch für die des übernatürlichen, das aus dem Kreuzesholz entsprießt. Wolken sind nicht Wetterboten, sondern Verhüllung und Veranschaulichung der Macht und Herrlichkeit Gottes, der Kraft des Überirdischen. Eine Fingerstellung wird zum Abbild der Dreifaltigkeit, eine Taube zum Zeichen des Heiligen Geistes, auch des Friedens. Weinreben und Früchte, Zweige und Blätter, Blumen und Gräser, Vögel, Federvieh und Kriechtiere bilden nun Flora und Fauna des Paradieses.
Das Wasser der Flüsse wird zum Quell des ewigen Lebens, nach dem die Seele des Menschen wie der dürstende Hirsch (der Psalmen) verlangt; auch ihn finden wir. Eine Stadt mit Mauern, Burgen, Kirchen und Häusern wird zum Himmlischen Jerusalem, wo die Bürger des Himmels, aller irdischen Sorgen und menschlichen Leiden ledig, nie endende Freuden genießen. Krüge und Füllhörner, Kronen und kleine Kästchen bergen nicht Reichtümer, die Rost und Motten zerstören, nicht Geld, das irdische Vergänglichkeit und menschliche Vergeblichkeit zunichte machen können, sondern unverderbliche Schätze. In den fast unendlich sich drehenden Blättervoluten des Akanthusgewächses schlagen Pfauen ihr Rad, Symbole der Schönheit und Vollkommenheit, Pelikane – Symbol für Christus – breiten ihre Flügel aus, Engel schweben hinauf und hernieder. Die Blicke der Heiligen übermitteln eine Botschaft, die alle, die sich darin versenken, vielfältig deuten können. Nichts ist bei einem Mosaik zufällig. Nichts entspringt der Laune eines Augenblicks. Alles ist durch eine lange geheiligte, durch die Bibel verbürgte, der Abnutzung entzogene Ordnung festgelegt. Alles, das Einzelne und das Ganze, hat seinen festen Platz nicht nach menschlichem Belieben, sondern nach einem übermenschlich gedehnten, ewigen Plan.
Das Zentrum ist dem zentralen Geheimnis reserviert: Jesus Christus mit dem Kreuz im Heiligenschein, dem Allherrscher (Pantokrator), dem Erlöser, dem Offenbarer, dem Sohn Gottes in der Einheit der Dreifaltigkeit (mit der Hand Gottvaters und der Taube des Heiligen Geistes), oder den Symbolen, die ihn vergegenwärtigen, wie Kreuz oder Lamm. Die Mitte überragt an Größe alle anderen Heiligen, die wiederum in hieratischer, heilig-feierlicher Strenge entsprechend ihrer Würde unterschiedliche Maße haben und in ihrem Abstand zur Mitte und ihrer Beziehung untereinander eine geheiligte Rangordnung ausdrücken.

 

Der Name »Kosmaten« bezeichnet eine Gruppe von Marmordekorateuren

Die Gewänder, mit denen sie bekleidet sind, die Schriftrollen, Bücher, Kirchenmodelle, die Heiligenscheine, die sie tragen – ein eckiger Nimbus für den lebenden Stifter des Mosaiks –, der Untergrund, auf dem sie stehen, der Thron, auf dem Christus und Maria sitzen – all das wird nicht nur kunstvoll und prächtig dargestellt, sondern deutet in seiner Symbolik auf geheimnisvolle Zusammenhänge und heilsgeschichtliche Verbindungen.
Nur bei wenigen römischen Mosaiken kennen wir den Namen des Künstlers, etwa eines Jacopo Torriti oder Pietro Cavallini (13./14. Jahrhundert). Stellvertretend für die vielen Unbekannten mag daher jener der Kosmaten stehen. Er bezeichnet eine Gruppe von geschickten Marmordekorateuren, die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert vor allem in Rom in der Kirchenarchitektur arbeitete und an der Ausschmückung des Kircheninneren mit Kanzeln, Chorschranken, Bischofsstühlen, Altären und Altaraufbauten, Fußböden und Wandpartien ihre hohe handwerkliche Kunst entfaltete. Ihre Mosaikornamente aus Steinen oder Glasfluß sind von der Antike angeregt und von den arabischen Ziermustern jener Zeit in Süditalien bestimmt. Da das Gewerbe häufig vom Vater auf den Sohn überging und auffällig oft der Name Kosmas (nach dem frühchristlichen Märtyrer) vorkam, gilt »Kosmaten« fast als Familienname und »Kosmaten-Arbeit« als Gütesiegel der Marmordekoration. ◆

Heinz-Joachim Fischer

geboren 1944 in Meseritz, promovierter Religionsphilosoph (Gregoriana, Rom), war von 1978 bis 2009 politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Rom.