
Ausgabe No. 3 | 2026: Reiche entstehen, Reiche vergehen
Leicht hatte es Gottes auserwähltes Volk noch nie. Wer die Bibel aufschlägt und ins Alte Testament schaut, wird darüber auf eine Weise aufgeklärt, die für allzu zarte Gemüter kaum geeignet ist und an woken theologischen Fakultäten vermutlich bereits mit Trigger-Warnungen versehen wurde. Das Buch Exodus beschreibt die Volkwerdung der Juden und deren Versklavung in der Fronknechtschaft in Ägypten. Die Wende beginnt mit der Berufung Mose, zu dem Gott aus einem brennenden Dornbusch spricht: »Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.« Wer in einem noch nicht verschwurbelten Religionsunterricht gut aufgepaßt hat, weiß, wie es nach scheiternden Verhandlungen und von Gott verordneten Plagen weitergeht. Die Israeliten fliehen aus dem Reich am Nil über das mit Gottes Hilfe trockene »Schilfmeer« in die Wüste, während das nachsetzende Heer des Pharao dort ertrinkt: »Nicht ein einziger von ihnen blieb übrig.« Als die Israeliten nach ihrer ereignisreichen vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste endlich an der Grenze des versprochenen Landes ankommen, müssen sie vor der Inbesitznahme die dort lebenden anderen Völker vollständig besiegen. Die Eroberung des »gelobten Landes« Kanaan ist exemplarisch für die Neuordung der Welt. Friedrich Schiller schreibt um 1790 in seiner Abhandlung Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter: »Die Nachkommen der Vandalen, Sueven, Alanen, Gothen, Heruler, Longobarden, Franken, Burgundier u. a. m. waren endlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre Vorfahren mit dem Schwert in der Hand betreten hatten, als der Geist der Wanderung und des Raubes, der sie in dieses neue Vaterland geführt, beim Ablauf des eilften Jahrhunderts in einer andern Gestalt und durch andre Anlässe wieder bei ihnen aufgeweckt wurde. Europa gab jetzt dem südwestlichen Asien die Völkerschwärme und Verheerungen heim, die es siebenhundert Jahre vorher von dem Norden dieses Welttheils empfangen und erlitten hatte, aber mit sehr ungleichem Glücke; denn so viel Ströme Bluts es den Barbaren gekostet hatte, ewige Königreiche in Europa zu gründen, so viel kostete es jetzt ihren christlichen Nachkommen, einige Städte und Burgen in Syrien zu erobern, die sie zwei Jahrhunderte darauf auf immer verlieren sollten.« Reiche entstehen, Reiche vergehen. Der Krieg ist nicht bloß sprichtwörtlich der Vater aller Dinge. Nur Phantasten behaupten, es sei menschenmöglich, im Diesseits ein ewiges Zeitalter des Friedens zu errichten. Für Menschen, die, wie der im März verstorbene Jürgen Habermas, religiös unmusikalisch sind, ist das keine frohe Botschaft. Jene jedoch, die an Christi Auferstehung und das ewige Leben im himmlischen Jerusalem glauben, kann das nicht erschüttern. Sie haben allen Grund, furchtlos zu sein.
Ihr Ingo Langner
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