21-4_CATO

Ausgabe No. 4 | 2021: Das Editorial

Eigentlich hätten wir einmal mehr das Ende der Aufklärung vermelden müssen. Aber weil wir uns damit vermutlich des Gebrauchs eines antirationalistischen Codes schuldig gemacht hätten, hier zum Mitschreiben für alle Demagogen und die, die es noch werden wollen: Jene Meldung hätte nicht bedeutet, daß wir gegen Vernunft oder rationale Diskurse wären; wir wollen ja nicht Eulen nach Berlin tragen. Auch ein Krebsbefund wird, jedenfalls bislang, nicht als gesundheitsfeindlicher Code des behandelnden Arztes gedeutet. Das mag sich ändern, sobald die Sterbehilfe eine kassenärztliche Regelleistung ist und man sich im Alter fragen muß, was einem nicht zum Zwecke der Lebensverlängerung verordnet wird. Soll heißen, eine Lageanalyse ist kein politisches Programm. Es geht hier um den Essay »Aufstieg und Fall des Postnationalismus« von ­Hans-Georg ­Maaßen und Johannes Eisleben in Cato 1/2021, auf den jetzt sogar die Irish Times und die türkische Zeitung Hürriyet aufmerksam wurden.

Der Zeitdiagnostiker, der vor Bürgerkriegsszenarien warnt, ist genausowenig ein Freund von globalisierungsfeindlichen Straßenkämpfen, Brandanschlägen und Plünderungen (man denke an den G20-Gipfel 2017 in Hamburg) wie der Onkologe ein Freund der Tumorzelle. Aber derzeit geht halt vieles durcheinander. Da kann schon mal ein tonangebender, von einengenden Diskursregeln weitgehend befreiter Journalismus im Eifer des Gefechts eine Zustandsbeschreibung mit einem Eskalationsversuch verwechseln und derselbe linksradikale, in der Mitte der Gesellschaft angekommene Journalismus den kritischen Gebrauch des Wortes »Globalisten« zu einem »antisemitischen Code« erklären, um einen Entrüstungssturm zu entfesseln, in dem ­Stephan J. ­­Kramer (Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen) den inkriminierten Beitrag ­­neben die Protokolle der Weisen von Zion und die taz ihn neben die Gedankenwelt eines ­Anders ­Breivik stellt − nachdem eine vorlaute »Klimaaktivistin« mit dem schlechten Gewissen des gehobenen Bürgertums in einer Plaudersendung die von mehreren »Qualitätszeitungen«, von Tagesschau und Kontraste genüßlich forcierte Verleumdungskampagne losgetreten hatte. Wir sind halt im Wahlkampf; da kann man verstehen, daß gewisse Leute nervös werden und ein Redakteur der neulinken Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für den Islamgegner die wahren Panikmacher im Lande sind, daran mitwirkt, den Unionsvorsitzenden zu einer öffentlichen Distanzierung von Parteifreund ­­Maaßen, besser noch zu einem Parteiausschlußverfahren gegen diesen zu zwingen. Prompt holte das bürgerliche Lager aus CDU, AfD und FDP in Sachsen-Anhalt 64 Prozent der Stimmen.

Die Zeiten ändern sich eben. Wenn die Freunde der Hamas, die Feinde Israels und die Gastgeber »erlebnisorientierter« Anti­semiten lauthals »Antisemitismus« schreien (siehe Karlheinz Weißmann über dessen linke Ursprünge), dann nützt es nicht viel, Widersprüche aufzuzeigen oder zweierlei Maß zu beklagen. Denn sie wissen, was sie tun. Irrationalität leistet sich, wer dem Gegner auch damit noch seine Macht demonstrieren will. Da hilft kein besseres Argument und keine »freie Debatte«. Da hilft die gute alte »Unterscheidung der Geister«, die, wie ­Thorsten Hinz weiß, auch in früheren Zeiten totalitärer Zumutungen ein guter Kompaß war. Statt den politischen Gegner direkt zu bekämpfen, kann man ihn auch unterlaufen, übergehen oder ignorieren. Dabei möge die Lektüre dieses Heftes helfen,

wünscht Ihr

Andreas Lombard

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HEFTVORSCHAU

Inhaltsverzeichnis

Cato Nr. 4|2021
Artikel01

Corona und
die EU

von Václav Klaus

Es gibt maßgebliche Kräfte in der EU, die am Ende der Nationalstaaten arbeiten. Doch nur diese sind der exklusive und unersetzliche Lebensraum für echte Demokratien. Wer die menschlichen Freiheit bewahren und die Substanz unserer Gesellschaften erhalten will, muß gegen die Eurokratie Widerstand leisten.

Artikel02

Amerikas goldenes
Zeitalter

von Karl August Müller

Der kürzlich verstorbene amerikanische Unternehmer Richard H. Driehaus hat in seinem privaten Jugendstil-Museum in Chicago der Schönheit ein Zuhause gegeben und darüber hinaus als Mäzen einen jährlichen, mit zweihunderttausend Dollar dotierten Preis für „klassische“ Architektur und Urbanistik gestiftet.

Artikel03

Dämonie der
reinen Tugend

von Thorsten Hinz

Eine Trias aus Bürokratie, Ideologie und Technik arbeitet derzeit nahezu täglich daran, die nur noch von einer Minderheit bewahrten Kategorien des Wahren, Guten und Schönen zu infizieren und in Falsches, Häßliches und Böses umzumodeln. Jeder muß jetzt einen eigenen Weg finden, sich dagegen zu wappnen.

Artikel04

Wenn alle um
alles kämpfen

von Chaim Noll

Durch das chinesisch-iranische Abkommen werden die Karten im Nahen Osten neu gemischt. Man wird sich auf Bürgerkriege zwischen den sunnitisch-arabischen Staaten, Israel und dem Iran einstellen müssen, stellvertretend ausgetragen von ethnischen oder religiösen Fraktionen, an denen die Region reich ist.

Artikel05

Das Spiel mit
der Angst

von Bruno Bandulet

Als der Kommunismus zusammenbrach, waren wir davon überzeugt, daß dieses böse System der Unterdrückung vorbei war. Inzwischen sind die Apokalyptiker auf dem Vormarsch. Doch was geschieht, wenn ihr Klimanotstandsregime nach Jahren der Verbote, der Verarmung und Zerstörung an der Realität gescheitert sein wird?

Artikel06

Helfen oder
Töten

von Andreas Lombard

Der assistierte Suizid wird als Ausdruck unserer Freiheit beworben, obwohl er deren Bedingung, das Leben selbst, beendet. In Wahrheit ist er eine brutale Antwort auf die demographische Krise. Er öffnet die Büchse der Pandora. Schon Robert Spaemann hat den Kern des Problems benannt: »Es gibt kein gutes Töten.«

Artikel07

Leugnung der
Natur


von Jürgen Liminski

Wenn es erlaubt werden sollte, daß Kinder ab vierzehn Jahren auch gegen den Willen ihrer Eltern ihr Geschlecht »wechseln« dürfen, wird der Jugendschutz mit Hilfe einer totalitären Gender-Ideologie abgeräumt. Stattdessen brauchen Heranwachsende eine natürliche Ordnung. Diese bieten nur das Naturrecht und die Familie.

Artikel08

Ewig leben oder
ewig sterben 


von Walter Kardinal Brandmüller

Es kann nicht verwundern, daß der erschreckende Gedanke von der Ewigkeit und Unwiderruflichkeit dessen, was man Hölle nennt, immer wieder auch zu theologischen Versuchen geführt hat, gegen dieses existentielle Katastrophenszenario zu behaupten, eine Hölle gebe es nicht. Aber es gibt sie – und den Schutz vor ihr.

ANDREAS LOMBARD

Chefredakteur

Geboren 1963 in Hamburg, ist Andreas Lombard deutsch-französischer und jüdisch-ungarischer Abstammung. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Heidelberg und Berlin war er als freier Journalist tätig. Im Jahre 2005 gründete er den Landt Verlag, der heute ein Imprint des Verlags Manuscriptum ist, den er bis 2017 leitete. 

Lombard wurde 2007 von der Förderstiftung »Konservative Bildung und Forschung« und der Wochenzeitung Junge Freiheit mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten ausgezeichnet und ist Autor mehrerer Bücher.