20-6_CATO

Ausgabe No. 6 | 2020: Das Editorial

Es ist das eine, wenn man Krankheit und Tod in Gestalt eines Virus mit womöglich zweifelhaften Maßnahmen zu bekämpfen versucht. Nicht nur Krankheit und Tod werden immer ein Teil des menschlichen Lebens sein, sondern auch die Angst vor ihnen. Es ist aber etwas anderes, 99,6 Prozent der Bevölkerung damit zu verunsichern oder zu verängstigen, vielleicht krank oder infektiös zu sein. Eigentlich reden wir sogar über 99,9 Prozent, denn von den 326 000 Corona-»Fällen« bis 11. Oktober 2020 (0,4 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung) sind oder waren mindestens 80 Prozent nicht an Covid-19 erkrankt. Es gibt bislang zwei Covid-19-Tote in Deutschland in der Altersgruppe bis 19 Jahre und 123 Tote bis 49 Jahre, während statistisch in Deutschland täglich rund 2 600 Menschen sterben. Das Durchschnittsalter der bis zum 11. Oktober 2020 gezählten 9 626 Covid-19-Toten liegt bei 82 Jahren; die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei 81 Jahren. 2019 starben im Zeitraum Januar bis August 629 785 Menschen, 2020 waren es 635 071, also eine Steigerung von 5 286 – 22 pro Tag. Und dafür nimmt man beträchtliche ökonomische und psychosoziale Schäden in Kauf, die sich ihrerseits in erhöhter Sterblichkeit niederzuschlagen drohen? Wer stur die Maßnahmen verteidigt und sie nicht ausreichend begründen kann, braucht sich jedenfalls über Unmut und Proteste nicht zu wundern.

Es ist das eine, Donald Trump und seine Politik abzulehnen, selbst wenn man – wie hierzulande – kaum weiß oder gar nicht wissen will, was der US-Präsident in seiner vierjährigen Amtszeit alles geleistet hat. Da geht es ihm wie einst ­der ­Königin Marie- ­Antoinette, der man Verschwendung vorwarf, wenn sie ein Seidenkleid trug, und Vernachlässigung der französischen Seidenweber, wenn sie es nicht tat. Es ist aber etwas anderes, Trump zu einem alten Rassisten, einem neuen Hitler, kurz, zu einem Menschenfeind und die Demokratie in eine heilsgeschichtlich aufgeladene Kampfzone zu verwandeln, in der fast jedes Mittel erlaubt zu sein scheint, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Dadurch verschärft die »gute« linke Seite besten Gewissens die politischen Spannungen − mit unkalkulierbarem Ausgang. Todd Huizinga und ­Siegfried ­Gerlich haben für Cato all das über Trump aufgeschrieben, was vom Mainstream unterschlagen wird.

Der öffentlichen Stimmungsmache nach zu urteilen könnte man meinen, Donald Trump sei Amerikas Untergang und Joe Biden dessen Rettung. Aber wie sagte Trump im August 2020 in Arlington? »Nur ich stehe zwischen dem amerikanischen Traum und totaler Anarchie und Chaos.« Was ist, wenn er recht hat? Wäre die Zerstörung des amerikanischen Traums im Kampf gegen Trump angemessen? Wer steht für Ordnung, wer für Chaos? Und was ist besser? Für den Gegensatz selbst stehen in der politischen Mythologie seit je das Seeungeheuer Leviathan und das Landungeheuer Behemoth. Der Leviathan steht für Ordnung, Staat und Autorität; der Behemoth für Chaos, »Bewegung« und Revolution. Ein idealer Ort für den Behemoth ist die »Gnosis-
republik« (Norbert Bolz), wo ideologischer Fanatismus herrscht und realpolitische Ansätze als unmoralisch verdammt werden. Gegen diese »geistige Pandemie« empfiehlt sich das Interview mit Mathias Brodkorb, der Sieferle-Essay von ­Thomas Hoof, Heinz-Joachim Fischers Betrachtung der römischen Mosaiken − und zu guter Letzt mein kulturgeschichtlicher Exkurs über »Preußens Arkadien«, die seit 1840 fast unveränderte Berliner Pfaueninsel,
findet Ihr
Andreas Lombard

 

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HEFTVORSCHAU

Inhaltsverzeichnis

Cato Nr. 6|2020
Artikel_01

WEDER MASS
NOCH MITTE

von Norbert Bolz

Wiederkehrende religiöse Hysterie: Unstrittig ist, daß die Überwindung der Gnosis dem Mittelalter mißlungen ist. Aber ist sie der Neuzeit gelungen? Heute spricht alles dafür, daß wir es wieder mit einem »gnostisches Rezidiv« zu tun haben. Und es hat pandemische Ausmaße angenommen. 

Artikel_02

SCHÖPFERISCHER
ZERSTÖRER

von Siegfried Gerlich

Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA schien manchen der Untergang der zivilisierten Welt in greifbare Nähe gerückt. Aber trotz des anhaltenden Widerstands des amerikanischen Establishment hat Trump nach Kräften versucht, seine Wahlversprechen zu erfüllen.

Artikel_03

ANHALTENDER EPOCHENWECHSEL

von Thomas Hoof

Der 2016 verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle verstand unsere Gegenwart als »transitorische Epoche«. Im Zentrum seines Großessay Epochenwechsel steht das gegenüber dem universalistischen Projekt des »Westens« widerständige Deutschland mit seinem Willen zum eigenen Weg.

Artikel_04

EINSER-
GAUKELEI

Interview mit Mathias Brodkorb

Der frühere Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb hat gemeinsam mit der Pädagogin Katja Koch ein Buch über die Defizite unseres Schulwesens geschrieben. Es heißt Der Abiturbetrug. Karlheinz Weißmann hat darüber mit Brodkorb ein Gespräch geführt. 

Artikel_05

DAS AFRIKANISCHE JAHRHUNDERT

von Philip Plickert

Der »Schwarze Kontinent« erlebt ein enormes Wachstum der Bevölkerung und viele Länder sind in einem ökonomisch-demographischen Teufelskreis gefangen. Die Folge ist wachsender Migrationsdruck. Was wird passieren, wenn Millionen junger Afrikaner vor den Toren Europas stehen?

WIDER DIE GEISTLOSE
LEERE

von Heinz-Joachim Fischer

Der in den Kirchen Roms dargestellte Kosmos von Heiligen ist unserem modernen Kulturbetrieb ganz fremd. Auch deswegen, weil die bunten Mosaiksteinchen auf wunderbare Weise ein Weltbild widerspiegeln, das völlig anders ist als unser gewohntes. Sie sind Bilder für die Ewigkeit.

DIE LEUGNUNG DER ANDERSARTIGKEIT

von Artur Abramovych

Es gibt hierzulande eine grassierende Blindheit in bezug auf die aktuelle Gestalt sowohl des Judentums als auch der Judenfeindschaft. In drei Skizzen zum Umgang deutscher Links-Intellektueller mit Thomas Mann, Ernst Toller und Daniel Cohn-Bendit wird deutlich, warum das so ist.

Artikel_08

EIN GARTEN IN ZWEI
ARTEN

von Andreas Lombard

Der hl. Augustinus schrieb: »Das Zukünftige nimmt ab, das Vergangene wächst an, bis die Zukunft verbraucht und das Ganze vergangen ist.« Möglicherweise beweist aber ein Garten, wie die seit 180 Jahren kaum veränderte Berliner Pfaueninsel, daß die Zukunft nachwachsen kann? 

ANDREAS LOMBARD

Chefredakteur

Geboren 1963 in Hamburg, ist Andreas Lombard deutsch-französischer und jüdisch-ungarischer Abstammung. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Heidelberg und Berlin war er als freier Journalist tätig. Im Jahre 2005 gründete er den Landt Verlag, der heute ein Imprint des Verlags Manuscriptum ist, den er bis 2017 leitete. 

Lombard wurde 2007 von der Förderstiftung »Konservative Bildung und Forschung« und der Wochenzeitung Junge Freiheit mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten ausgezeichnet und ist Autor mehrerer Bücher.