21-3_CATO

Ausgabe No. 3 | 2021: Das Editorial

Monatelang ging mir ein hartes Wort durch den Kopf, um den aktuellen Zustand der westlichen Welt zu benennen. Es war mir eine traurige Genugtuung, als es von berufenerer Seite endlich benutzt und mein dunkler Verdacht bestätigt wurde. Am 31. März 2021 prognostizierte der französische Wirtschaftswissenschaftler ­Jacques ­Attali (* 1943), bekannt als langjähriger Berater des einstigen Präsidenten ­François ­Mitterrand (1916−1996), auf seinem Blog unter der Überschrift »The Pandemic, and ­After?« einen Dauerreigen von Pandemien und Impfkampagnen für die kommenden Jahrzehnte. Darum ging es ­Attali aber nur mittelbar. Anschließend repetierte er die bekannten Parolen des »Great Reset«: Der improvisierte Kampf gegen Corona müsse uns eine Lehre und Warnung sein für andere, größere Bedrohungen wie »Wasserknappheit, globale Erwärmung, Bodentrockenheit, Insekten­invasionen, das Aussterben zahlloser Arten und all die politischen Unruhen, die sich daraus ergeben werden«. Und dann kommt es. Die nötige Vorbereitung auf diese Szenarien erfordere den Mut, jetzt »eine Kriegswirtschaft [›wartime economy‹] einzuführen, um alle wirtschaftlichen Aktivitäten massiv zu reduzieren, welche die Wahrscheinlichkeit dieser Katastrophen erhöhen (fossile Brennstoffe […], Kunststoffe, Chemikalien, Textilindustrie)«.

Das Wort ist gesetzt, wir sind im Krieg. In einem Krieg, der den Krieg vermeiden soll, in einem Krieg gegen den Krieg. Aber war das nicht immer so? Die Botschaft ist klar. Wenn der Westen so weitermacht wie bisher, drohen globale Unruhen apokalyptischen Ausmaßes. Aber lassen wir uns nicht täuschen. Geist und Gewalt des Lockdowns hindern uns nicht zuletzt auch an lebensverändernden Schritten im Sinne der geforderten Nachhaltigkeit, während uns zugleich verboten wird, so weiterzumachen wie bisher. Das paßt zur Diagnose unseres Autors Christian Guse (»Gestörte Normalität«): »Der Lockdown zeigt das triste Bild einer Gesellschaft, die nicht mehr viel auf sich hält; die nicht glaubt, sie hätte noch etwas weiterzugeben; die gleichsam nichts mehr zu verlieren hat, weil sie schon so viel aufgegeben oder zur Disposition gestellt hat. Welche Normalität des täglichen Lebens oberhalb der materiellen Grundversorgung ist sie eigentlich noch bereit zu verteidigen? […] Eine verrückte Normalität greift sich selber an.«

3In diesem Sinne erkennt unser Kolumnist Karl-Peter Schwarz (»Schwarz auf Weiß«) den Hauptgrund für das eklatante Staatsversagen in einem »Überschuß an politischer Ambition«. Warum es besser sein soll, ­E-Autos zu fahren, online zu kommunizieren, Filme nur noch zu streamen, sich das Essen von unterbezahlten Boten liefern zu lassen, nichts zu besitzen und keine Kinder mehr zu bekommen, hat uns noch keiner der »Propagandisten des permanenten Ausnahmezustands« (­Norbert ­Bolz, »Die Tyrannei der Moral«) wirklich erklärt. Der feudalistische Oberlehrerton von Davos, dieses Pathos der Weltrevolution von oben mit dem Ziel einer von Großmanagern regierten Menschheit, in der am Ende wieder nur ein bedauernswertes Prekariat ausgebeutet, umerzogen und notdürftig versorgt wird, hat nichts mit der reichen Natur des Menschen zu tun. Die Antwort, der sich Cato widmet, heißt »positive Normalität« (­Guse). Es wird rettende Ausnahmen vom Ausnahmezustand geben, denn ein Vorzug des falschen Lebens besteht immerhin darin, daß es das richtige wieder leuchten läßt,

findet Ihr

Andreas Lombard

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HEFTVORSCHAU

Inhaltsverzeichnis

Cato Nr. 3|2021
Artikel_01

Davos als Wille
und Vorstellung

von Bruno Bandulet

Wenn sie die Welt schon nicht regieren können, so wollen sie sie doch wenigstens retten. Von Davos aus, Jahr für Jahr im Januar. 2021 konnten die Mächtigen und Reichen aus Politik und Wirtschaft nur digital konferieren. Das Thema war der „Great Reset“, hinter dem sich ein Milliardärssozialismus verbirgt.

Artikel_02

Eine Frage von oben
und unten

von Karlheinz Weißmann

Ganz gleich, ob es um die »Dekolonisierung« von Museumsobjekten geht, oder um Millionensummen, die von der EU an die LGBQTI-Lobby ausschüttet werden – bei den identitätspolitischen Kämpfen der Gegenwart werden stets materielle und machtpolitische Fragen verhandelt. Die Menschheit wird neu sortiert.

Artikel_03

Die Tyrannei
der Moral

von Norbert Bolz

Die politischen Probleme unserer Zeit sind in den Sog eines rigorosen Moralismus hineingeraten. Ursache ist die unheilvolle Tendenz, die neuzeitliche Ausdifferenzierung der sozialen Systeme wieder aufzuheben. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, ist ein Blick in die Geschichte des Staates hilfreich.

Artikel_04

Gestörte
Normalität

von Christian Guse

Unsere Zivilisation verwandelt alles Bestehende, Geltende in testbare Hypothesen. Keine Überzeugung, keine Praxis steht ganz fest, man kann mit allem experimentieren. Alles gilt nur vorläufig, ist auf Ersetzung und weitere Optimierung angelegt. Das Normale, Selbstverständliche scheint zweifelhaft geworden zu sein.

Artikel_05

Philosoph der
Freiheit

von Gary Saul Morson

Sozialwissenschaftler, die zu wissen glauben, wie man Gerechtigkeit erreicht und die Menschen glücklich macht, sehen in der Freiheit ein Hindernis für das menschliche Wohlbefinden. Für Dostojewski hingegen gehören Freiheit, Verantwortung und das Potential für Überraschungen zum Wesen des Menschen.

Artikel_06

Der Glaube
der Kunst

von Karl August Müller

Die Geburt der Renaissance erfolgte innerhalb der Denkräume der Kirche. Dennoch blenden die Kunstwissenschaftler seit bald zweihundert Jahren die Religion als Geburtshelfer aus. Spiritus Rector dieser Misere war der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt mit seiner Erfindung der „heidnischen Renaissance“.

Artikel_07

Noch schöner
wohnen


von Ingo Langner

Das Vermögen der liechtensteinischen Staatsbürger ist 1945 in der Tschechoslowakei unter dem Vorwand beschlagnahmt worden, Liechtensteiner seien Deutsche. Dagegen hat die Regierung des Fürstentums Liechtenstein im Jahre 2020 Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.

Artikel_08

Berlin
leuchtet


von Thomas Gädeke

Christopher Lehmpfuhl malt seine Ölbilder mit den Händen, die er mit Latexhandschuhen schützt. Er greift in die Farbeimer und trägt die Farben direkt so auf, daß ein starkes Relief entsteht. Um so erstaunlicher sind die sensibel abgestimmte Farbigkeit sowie der Lichtzauber, über den Lehmpfuhl gebietet.

ANDREAS LOMBARD

Chefredakteur

Geboren 1963 in Hamburg, ist Andreas Lombard deutsch-französischer und jüdisch-ungarischer Abstammung. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Heidelberg und Berlin war er als freier Journalist tätig. Im Jahre 2005 gründete er den Landt Verlag, der heute ein Imprint des Verlags Manuscriptum ist, den er bis 2017 leitete. 

Lombard wurde 2007 von der Förderstiftung »Konservative Bildung und Forschung« und der Wochenzeitung Junge Freiheit mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten ausgezeichnet und ist Autor mehrerer Bücher.