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Editorial Heft 5 | 2026

24. Juli 2026 von INGO LANGNER

Ausgabe No. 5 | 2026: Man nennt es Aufklärung

Johann ­Wolfgang ­Goethe war 23 Jahre alt (und noch nicht geadelt), als er 1772 die erste Fassung seiner später berühmt gewordenen Hymne Prometheus »aufs Papier warf« – wie es sich für einen Sturm-und-Drang-Poeten geziemt. Sie beginnt mit der herausfordernden Strophe: »Bedecke deinen Himmel, Zeus, /Mit Wolkendunst / Und übe, dem Knaben gleich, / Der Disteln köpft, / An Eichen dich und Bergeshöhn; / Mußt mir meine Erde / Doch lassen stehn / Und meine Hütte, / die du nicht gebaut, / Und meinen Herd, / Um dessen Glut / Du mich beneidest.« In den folgenden sechs Strophen wird Zeus verhöhnt und auch jene »hoffnungsvollen Toren«, die ihm »Opfersteuern« zahlen. In der letzten Strophe wird offenbar: Zeus ist bloß Strohmann für den jüdisch-christlichen Schöpfergott, der ­Adam nach seinem Bilde schuf: »Hier sitz’ ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, zu weinen, / Zu genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich!« Spricht hier allein der mythologische Titan Prometheus, der, Zeus’ Befehl mißachtend, den Menschen das Feuer schenkte? Oder in Wirklichkeit der sich genialisch wähnende, wohlsituiert geborene ­Johann ­Wolfgang aus Frankfurt am Main? Als ­Goethe, – inzwischen am 3. Juni 1782 auf Antrag von Herzog ­Carl ­August von Sachsen-Weimar-Eisenach durch Kaiser ­Joseph II. geadelt – 1789 den Mut hatte, die Hymne zu veröffentlichen, wird seinen Zeitgenossen die Stoßrichtung klar gewesen sein – den Nachgeborenen war sie das ohnehin. Der französische Schriftsteller ­André ­Gide notierte 1929, da war er sechzig Jahre alt: »Kein Meißelhieb, der mein Innerstes offenbaren sollte, ist tiefer vorgedrungen (nicht einmal ­Nietzsches spätere Schnitte) als jene bewundernswerten Verse aus Prome­theus, als ich sie mit zwanzig Jahren zum ersten Mal las. Nichts, was ich später von ­Goethe las, konnte diesen ersten Schnitt verändern, sondern ihn nur vollenden, oder besser gesagt, ihn abmildern. Weisheit beginnt dort, wo die Gottesfurcht endet. Es gibt keinen Gedankengang, der nicht zunächst anstößig, gotteslästerlich erschienen wäre.« Dem Titan ­Prometheus ist die Revolte übel bekommen. ­Zeus kettete ihn an den Kaukasus und beauftragte seinen Adler damit, ihm jeden Morgen die Leber aus dem Leibe zu reißen, die sich dann – schrecklich genug, aber Strafe muß sein – über Nacht erneuerte. Das Leiden endete erst, als ­Herakles den Adler mit einem Pfeil vom Himmel holte und die Ketten sprengte. Um ­Zeus milde zu stimmen, trug ­Prometheus von da an einen Ring aus Kaukasusgestein und Eisen, war mithin nur noch symbolisch gebunden. ­Goethe ist für seinen ­Prometheus nicht bestraft worden. Er stieg hoch hinauf und avancierte vom Stürmer und Dränger zum hochgerühmten Musterklassiker schlechthin. Einem Genie sieht man manches nach, sogar seinen »Abschied« vom Christentum. ­Goethe war nur einer von vielen, die abschworen, denn die Revolte gegen Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist ist im 18. Jahrhundert gesellschaftsfähig geworden. Man nennt es Aufklärung.

Ihr Ingo Langner

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Kategorie: Artikel Stichworte: Editorial

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